Saison 2023/2024

21./22.12.2023 Isarphilharmonie München

Süddeutsche Zeitung vom 23.12.2023

Ludwig van Beethoven: Missa solemnis

Konzert in der Isarphilharmonie:
Aus einem Guss
Voller Schaffensfreude leitet Philippe Herreweghe die Münchner Philharmoniker durch Beethovens Missa solemnis.
Von Paul Schäufele

Wie gut, dass er noch zurückgekommen ist. Denn Philippe Herreweghe ist der richtige Mann für dieses Stück. Kaum einem anderen gelänge es mit diesem Minimalaufwand an gestischer Strukturierung, Beethovens Missa solemnis solchen Zusammenhang zu verleihen. Herreweghe umgibt Weisheit wie ein kostbarer Duft. Umso rätselhafter, warum der belgische Dirigent nach dem fulminant beendeten Gloria den Konzertsaal der Isarphilharmonie für ein paar Minuten verlässt. An Erschöpfung scheint es nicht gelegen zu haben, Herreweghe dirigiert die Münchner Philharmoniker so engagiert wie eh und je.

Die lassen sich von der Schaffensfreude anstecken und schaffen es, der stilistischen Auffächerung des späten Beethoven ungeahnte Konsistenz zu geben. Einen Flötentriller, als Vogelgesang Symbol für die Schönheit der Natur, inszeniert Herreweghe nicht, er integriert ihn. Das "et sepultus est" des Credo spielen die Philharmoniker wie unter Schock, vibratoarm, was ganz in der Logik der Interpretation aufgeht. Ebenso die Spitzentöne in den Chorstimmen etwa beim "Osanna in excelsis".

Der Philharmonische Chor, verstärkt durch Gäste des Collegium Vocale Gent, erreicht sie mühelos, nie schrill. Doch auch das steht vom ersten Takt an fest. Herreweghe fordert einen weichen, transparenten Schmelzklang. Kongeniale Partner stellt das solistische Viergespann: Hanna-Elisabeth Müllers dunkelschön timbrierter Sopran, Anna Lucia Richters auch in der Tiefe leuchtender Mezzo, Ilker Arcayüreks metallisch schimmernder Tenor und der bei erzener Härte bewegliche Bass von Tareq Nazmi mischen sich aufs Schönste.

Was für ein Schluss, wenn nach dem dringlich aufgebotenen Mezzo-Solo sich der Gedanke aufdrängen muss, dass das Lamm Gottes, das hier um Frieden gebeten wird, in einer Gegend geboren ist, in der das Kriegsgerät nun tobt wie die Marschmusik, die Beethoven in den Satz komponiert hat und die sich hier brachiale Präsenz verschafft - gerade weil Herreweghe diesen Moment der Wahrheit nicht ausschlachtet, sondern in die Botschaft des Werks einschließt: alles aus einem Guss.


10./11.11.2023 Isarphilharmonie München

Franz Schubert: Lacrimosa son io
Franz Schubert: Symphonie h-moll ("Unvollendete")

Wolfgang Amadeus Mozart: Maurerische Trauermusik
Wolfgang Amadeus Mozart: Kyrie KV 90 (auf Text "Miserere")
Wolfgang Amadeus Mozart: Große Messe c-moll

Münchner Philharmoniker
Dir.: Raphaël Pichon

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7./8.10.2023 Isarphilharmonie München

Gabriel Fauré: Requiem

Münchner Philharmoniker
Dir.: Andrew Manze

AZ vom 8.10.2023

Mit aufmüpfig-kratziger Ironie
Andrew Manze und die Münchner Philharmoniker im Gasteig HP8

Allzu oft ist in einer Musikkritik für das Lob des Chores nicht genug Platz. Ausgerechnet ein technisch eher problemarm zu realisierendes Werk wie das Requiem von Gabriel Fauré verlangt aber dieses Mal eine ausführliche Würdigung des Philharmonischen Chores München. Denn bei einer einfachen Melodie eines einzigen Registers, so raffiniert sie vom Komponisten auch gestaltet sein mag, kommt es auf Farbe an - sonst wird es schnell eintönig.

Chordirektor Andreas Herrmann fügt hier jede Stimme der Tenöre zu einer gleichsam handkolorierten, dabei perfekt gerundeten Linie zusammen. Vollends magisch wird es, wenn tiefe Frauen und hohe Männer zu einem wie überirdischen, übergeschlechtlichen Duett gemischt werden. Überwältigend schließlich ist das Strahlen der vier gleich starken Register, zu einem einzigen zusammengeschmolzen.

In seiner meisterhaften Einstudierung hat Herrmann dem Philharmonischen Chor offenbar auch eine Vertrautheit mit seinem Part mitgegeben, die ihn von der Gesamtleitung weitgehend unabhängig macht. Bei den Münchner Philharmonikern merkt man hingegen, wenn es der Barockgeiger und Dirigent Andrew Manze versäumt, auch nur kleine Impulse zu geben. Die Streicher, ungewöhnlich postiert mit den Bratschen links, Violoncelli rechts und Violinen in der Mitte, finden sich in den pauschalen Bewegungen Manzes keine Orientierung, schwimmen zeitweise schuldlos, wenn sie bei diesem Werk doch eigentlich wie von einer höheren, unsichtbaren Macht zusammengehalten werden müssten.

Elsa Benoit intoniert ihr Sopransolo menschlich warm, ihre wunderbar leise gehaltene Mitte wird jedoch von der Akustik der Isarphilharmonie verschluckt, während Benjamin Appl seinen jugendlichen Bariton nicht ganz frei aussingen kann, weil er selber mit einem Ohr quasi für die Koordination mit der Begleitung sorgen muss.

Auch im Cellokonzert Nr. 1 von Camille Saint-Saëns kann der Umstand, dass der Solist Floris Mijnders aus dem Orchester kommt und alle schon einmal kollegial zusammenhelfen, nur bedingt kompensieren, dass Manze zu sehr mit der Partitur beschäftigt ist, um etwa die wichtigen Holzbläser-Einwürfe gebührend plastisch hervorzurufen. Mijnders, gebürtiger Niederländer, seit 2014 Münchner philharmonischer Solocellist, lässt sich von der dirigentischen Führungsschwäche nicht beirren und spielt das Figurenwerk mit feiner, aufmüpfig kratziger Ironie und das lange Arioso mit einer satten Kurt-Moll-Tiefe, bei der man sich auf jeden Ton von neuem freut.

SZ vom 8.10.2023

Klassikkonzert mit Feuer

Immer schön, wenn bei den Orchestern mal die hauseigenen Solisten zum Zug kommen statt hinzu engagierter Stars. In der Isarphilharmonie war es nun Floris Mijnders, seit 2014 Solocellist der Münchner Philharmoniker, der mit "seinem" Orchester das Erste Cellokonzert von Camille Saint-Saëns spielte. Der Niederländer fegt mit Feuer und Aplomb durch das hochvirtuose Stück, so dass Dirigent Andrew Manze anfänglich mit dem Rest der Truppe kaum hinterherkommt. In den elegischen Linien wartet er mit großem, intensivem Ton auf, bügelt Binnenphrasierungen dennoch nicht glatt. Um danach ebenso ironisch wie symbolisch ins Orchester zurückzukehren: Gemeinsam mit der gesamten Cellogruppe spielt Mijnders zur Zugabe ein Arrangement von Theo Mackebens Songklassiker "Frauen sind keine Engel".

Dabei hatte der Abend mit einem Engel begonnen, geschickt von einer Frau. Zur Einleitung nämlich hatten die Philharmoniker den "Angelus" aus ihrer Schatztruhe geholt, den Victoria Borisova-Ollas einst zur 850-Jahr-Feier Münchens für das Orchester komponiert hatte, eine nicht besonders avantgardistische, aber handwerklich blitzsaubere Hommage an das Glockengeläut der Münchner Innenstadt.

Nach der Pause ging es weiter mit der Messe de Requiem von Gabriel Fauré, der sanftmütigsten aller bekannteren Totenmessen. Andrew Manze lässt sie denn auch schweben, entfaltet in der durchsichtigen Akustik der Isarphilharmonie feine Bögen ohne jeden Druck. Elsa Benoit spinnt das Sopransolo in klangreinem, subtil abgestuftem Pianissimo aus. Bariton Benjamin Appl dagegen agiert intonationsunsicher, verschmiert Töne in der Linie miteinander. Dafür lässt der Philharmonische Chor das Requiem zum Highlight werden: Trotz großer Besetzung artikuliert er genau und bleibt dynamisch flexibel. Der Chorklang ist weich, leuchtet auch im Piano von innen. Womit das ziemlich zusammengestückelte Programm immerhin einer Dramaturgie der Steigerung folgte.


7./8.9.2023 Isarphilharmonie München
10.9.2023 K&K Luzern
11.9.2023 Philharmonie Köln
12.9.2023 Philharmonie Berlin

Gustav Mahler: 2. Symphonie (Auferstehung)

Münchner Philharmoniker
Dir.: Mirga Gražinytė-Tyla

Den vollständigen Pressespiegel können Sie hier downloaden

Süddeutsche Zeitung vom 9.9.2023

Die Münchner Philharmoniker und der Philharmonische Chor bringen Mahlers Auferstehungssymphonie in die Isarphilharmonie - ein Erlebnis.
Von Andreas Pernpeintner

Fast 130 Jahre ist Mahlers Auferstehungssymphonie alt. Doch noch während man fürs Verlassen des Saals ansteht (das dauert in der Isarphilharmonie), kommen erneut die Gespräche in Gang, wie man diese Symphonie, diese Kollage aus Tondichtung, Ländler, Orchesterlied und Chormusik, dieses riesenhafte Gebilde einschätzen soll.

Klar ist: Damit die Spielzeit zu eröffnen, ist ein Statement, denn mehr können die Münchner Philharmoniker und der Philharmonische Chor nicht auffahren. Mehr an Sängerinnen, Musikern, Kontrabässen, Pauken und Glocken hätte gar nicht Platz. Da ist das Fernorchester noch nicht eingerechnet. Dazu als Solistinnen Talise Trevigne (Sopran) und Okka von der Damerau (Mezzo). Dirigiert von Mirga Gražinytė-Tyla. Was für eine Zusammenkunft.

Hinreißend ist eigentlich kein passendes Wort, um die gewaltige "Todtenfeier" des ersten Satzes zu umschreiben. Aber auch ein solches Monumentalgemälde malert man ja nicht mit der breiten Farbrolle. Es besteht aus einer Fülle an Einzelereignissen. Und mit welcher Liebe zum Detail diese in dieser Saisoneröffnungsinterpretation ausgearbeitet sind, das ist wirklich hinreißend.

Jeder Bläsereinsatz und Bläseransatz sitzt, jede Gewichtung der Stimmen ist austariert. Die plötzliche Herzigkeit des zweiten Satzes hat ideale Anmut. In der "ruhig fließenden Bewegung" des dritten Satzes ist die Unruhe der verzwirbelten Linien spürbar. Okka von der Damerau singt das "Urlicht" im schwarzen Gewand von der Chorempore herab wie eine Priesterin von der Kanzel, und beim ins Nichts gehauchten Choreinsatz im halbstündigen Finalsatz bleibt die Zeit stehen.

Beglückendes Musikhandwerk - das Gražinytė-Tyla einfach fabelhaft lenkt. Sie steht vor der Brandung und kartiert und teilt das Meer. Am Ende könnte man die Spannung der Stille noch eine theatralische Ewigkeit halten. Man kann aber auch den Stab, mit dem man's vollbracht, diskret beiseitelegen, als sei nichts Bemerkenswertes geschehen.

AZ vom 9.9.2023

MM vom 9.9.2023

Mirga Gražinytė-Tyla dirigierte in der Isarphilharmonie Gustav Mahlers "Auferstehungssymphonie".
Kontrastmittel
Saisonstart bei den Münchner Philharmonikern
von Tobias Hell

Der erste Eindruck ist bekanntlich immer der wichtigste. Doch wenn das erste Konzert nach der Sommerpause tatsächlich ein Indikator gewesen sein sollte, darf man der neuen Saison der Münchner Philharmoniker durchaus gespannt entgegenblicken. Für Gustav Mahlers zweite Symphonie wurde in der Isarphilharmonie wirklich alles aufgeboten, was auf dem Podium und den Sitzreihen darüber an Stimmen und Instrumenten Platr findet. Ein wahrhaft monumentales Werk, gekrönt von einer machtvollen Apotheose, nach der im Saal erst mal ein kollektives Ausatmen zu vernehmen war, ehe sich die Begeisterung des Publikuzms entladen durfte.

Applaus vor allem für den von Andreas Herrmann einstudierten Philharmonischen Chor, der sich vor dem großen Crescendo zunächst sehr behutsam ins Geschehen gemischt hatte und gerade im Zusammenspiel mit den Gesangssolistinnen immer wieder sehr nuanciert am Werk war. Ganz im Sinne von Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla. Sie näherte sich der "Aufersteehungssymphonie" mit einer effektvollen Kontrastdramaturgie. Scharf akzentuiert und hin und wieder auch mal auf Krawall gebürstet. Was vor allem den stramm durchexerzierten Kopfsatz prägte, ohne dabei den von Mahler geforderten "ernsten, feierlichen Ausdruck" ganz aufzugeben.

Weitgehend bereinigt von spirituellen Konnotationen schien ebenfalls das mit einer Prise Wiener Schmäh servierte Andante, ehe der dritte Satz wieder mehr raum für Assoziationen bot. Etwa mit den doppelbödigen Klezmer-Anflügen des dritten Satzes, in dem vor allem die Holzbläser ihre Qualitäten zeigten. Eine Antwort hierauf blieben aber auch die Kollegen aus der Blechfraktion nicht lange schuldig.

Getragen von sanften Streicherklängen führten sie im "Urlicht" ein tiefgründiges Zwiegespräch mit Okka von der Damerau, deren balsamisch-weich strömender Mezzo sich im Finalsatz homogen mit dem dunkel grundierten Sopran ihrer Kollegin Talise Trevigne mischte. Wobei beide Sängerinnen den langen Atem für die immer breiter werdenden Tempi der Dirigentin mitbrachten.

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