Saison 2009/2010

27.06.2010 | St. Katharina Wolfegg
Joseph Haydn: Die Schöpfung
Württembergisches Staatsorchester
Dirigent: Manfred Honeck

Vorarlberger Nachrichten vom 29.6.2010
D4 Kultur
Gänsehaut ist garantiert
Manfred Honeck sorgte in Wolfegg für Spannung bei Haydns Schöpfung
Wolfegg -- Die von dem Vorarlberger Dirigenten Manfred Honeck seit 15 jahren kuratierten Wolfegger Konzerte in unserer deutschen Nachbarschaft hatten am Wochenende auch in ihrer 21. Auflage besondere musikalische Kostbarkeiten inmitten der beschaulichen Allgäuer Landschaft zu bieten. Überragender Glanzpunkt war am Sonntag das Konzert in der prächtigen Pfarrkirche St. Katharina mit einer aufregenden Aufführung von Haydns Oratorium "Die Schöpfung".
-- Zeitlose Schönheit --
Keiner hat die Schöpfungsgeshichte mit solch gläubiger Naivität musikalisch zu erzählen verstanden wie Joseph Haydn in diesem Oratorium quasi als Summe seines Lebens. Der Dirigent Manfred Honeck nimmt bei seiner Deutung diesen spirituellen Aspekt als persönliches Anliegen auf. Doch andächtig heißt bei ihm nicht langweilig: Er schärft diese wundervolle Sakralmusik durch eine heutige Sichtweise mit gestrafften Tempi und extremer Dynamik, macht daraus einen geschlossenen Bilderbogen von dramatischer Eindringlichkeit und zeitloser Schönheit.
Honeck erkennt dabei als besonderes Anliegen aber auch die aktuelle Bedrohung unserer Umwelt durch den sorglosen Umgang des Menschen mit ihr, Stichwort "Ölpest". Gleich die erste Schlüsselstelle "...und es ward Licht!" wird so bei ihm zum Furioso, Blitz und Donner erscheinen doppelt bedrohlich. Andererseits gibt es auch viele Stellen, die in kaum wahrnehmbaren Pianissimozeichnungen und ländlich-sittlich die stark lyrische Komponente unterstreichen oder Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer ausdrücken wie das Duett "Von deiner Güt', o Herr und Gott".
Zur Umsetzung dieses Konzeptes stehen Honeck mit seiner charismatischen Aura auch diesmal hochkarätige Kräfte zur Verfügung. Das Staatsorchester Stuttgart, dem er als GMD noch zwei Jahre vorstehen wird, erweist sich wieder als hervorragend besetzter, transparenter Klangkörper von klassischer Eleganz. So wie im Vorjahr wird der Philharmonische Kammerchor München (Einstudierung Andreas Herrmann) zum grandiosen Vokalpartner. Mit Glanz, kristallklarem Klang und Strahlkraft im Übermaß ausgestattet, kommt er spielend über das groß besetzte Orchester, macht Teile wie "Stimmt an die Saiten" oder "Vollendet ist das große Werk" zu Lichterscheinungen, bei denen die Gänsehaut nicht mehr zu stoppen ist. Bei den drei Vokalsolisten als Erzengel, bzw. Adam und Eva, wird vor allem der junge Deutsche Konstantin Wolff, am Montag zuvor noch als Einspringer für Juliane Banse bei der Schubertiade angetreten, mit seinem schön zeichnenden Bass-Bariton zur überragenden Erscheinung.
-- Inspirierend --
Der schottische Tenor Paul Appleby setzt seinen edel-metallischen Tenor klug ein, bei der koreanischen Sopranistin Sunhae Im hätte man sich neben ihrer leichtgängign Höhe auch etwas mehr Wärme in der Mittellage gewünscht. In den Terzetten bilden die drei ein harmonisches Ganzes.
Die prächtige Pfarrkirche bietet das ideale Ambiente für eine so tief religiös inspirierte Aufführung, trägt mit ihrer nicht zu weiträumigen Akustik aber auch dazu bei, dass die Balance stimmt und dynamische Extreme abgefangen werden. Da bleiben am Ende keine Wünche offen, ein fasziniertes Publikum feiert nach Verklingen der Glocken alle Mitwirkenden minutenlang mit Standing Ovations.

Schwäbische Zeitung vom 29.06.2010
Internationale Konzerte Wolfegg
Geglückte Partnerschaft
Wolfegg - Der Wiener Klassik gewidmet waren die Internationalen Wolfegger Konzerte mit Manfred Honeck und seinem Staatsorchester. Haydn, Mozart und Beethoven mit dem brillianten Cellisten Johannes Moser, dazu Haydns "Schöpfung" mit einem jungen Solistenterzett und einem wunderbar flexiblen Chor waren Magneten
(...)
-- Haydn in der Schlosskirche --
Wie innig die Stuttgerter Musiker und der österreichische Dirigent inzwischen verbunden sind, merkte man auch in den vielen Details von Haydns "Schöpfung": Vom markerschütternden "Urknall" zu Beginn über die zart gehauchten Flöten, die raunenden Celli, oder natürlich das prominent hervorgehobene Kontrafagott spielte Honeck mit den Besonderheiten von Haydns Partitur. Mit der vogelleicht zwitschernden Sopranstimme von Sunhae Im, dem weichen und mühelosen Tenor paul Appleby und dem hohe wie tiefe Lage farbig abdeckenden Bariton Konstantin Wolff gestalteten auch die Solisten das Oratorium frisch und liebevoll.
Wieder einmal zeigte sich der Philharmonische Kammerchor München in der Einstudierung von Andreas Herrmann als souveräner und flexibler Partner. Selbst Honecks hohe Tempi in den Jubelchören und die starken dynamischen Kontraste meisterten die Sängerinnen und Sänger ganz locker. (...)

Allgäu-Rundschau vom 30.06.2010
Viele Hörerlebnisse
Wolffegger Konzerte - Stuttgarter Staatsorchester unter Manfred Honeck spielt mit bestechender Transparenz
- (...)
Ein Juwel unter den sommerlichen Festspielen sind auch im einundzwanzigsten Jahr die Internationalen Wolfegger Konzerte, die seit 1994 unter der künstlerischen Leitung von Manfred Honeck stehen.
(...) Große Kontraste prägen Haydns «Schöpfung», die Honeck in der barocken Pfarrkirche aufführte. Mit großartiger Kultur sang der Philharmonische Kammerchor München. In einer Aufführung aus einem Guss bildeten Sunhae Im, Paul Appleby und Konstantin Wolff ein beglückendes, harmonierendes Solistenterzett.


13./14./16./17.06.2010 | Philharmonie
Joseph Haydn: Die Schöpfung
Dirigent: Thomas Hengelbrock

MM vom 14.06.2010
Es ward Licht
Hengelbrock dirigierte Haydns "Schöpfung
Den Hanseaten Thomas Hengelbrock erschüttert so schnell kein Sturm. Gute Basis für das anrührendste, klassischste Stück Natur, das die Musikgeschichte zu bieten hat: Haydns: "Schöpfung". Was der Dirigent in der Philharmonie aus den Münchner Philharmonikern und dem hauseigenen Chor an Farben und Delikatesse herauskitzelte, das war schon imponierend.
Wer das ABC des Barock und der Wiener Klassik nicht beherrscht, der braucht sich freilich dieses Oratorium gar nicht erst vorzunehmen. Die Balance zu halten aus Dramatik und Idylle, aus Intimität und Lautmalerei, aus tiefer Weisheit und entwaffnender Naivität - die bei Haydn nie zu trennen sind -, erfordert enorme Erfahrung mit und Kenntnis der Alten Musik. Thomas Hengelbrock beherrscht dieses ABC, und somit verliert Haydns Musik alles Betuliche, über das man sich bei anderen Interpretationen so oft ärgert.
Die berühmte Stelle "Und es ward Licht" mit ihrer strahlenden, alle Unsicherheit überwindenden Kraft gelingt auch hier überwältigend. Doch allein schon, wie das Wörtchen "leer" zuvor mit einer kleinen dramatischen Pause aufgeladen wird, wie später der "Sonnenaufgang" mitreißt, das ist große Gestaltung unsterblicher Kunst.
Schade nur, dass die Solisten mit dem hervorragenden Chor und dem überraschend filigran gestaltenden Orchester nur bedingt mithielten. Luba Oronásovás Sopran flackert ein bisserl unrund, Textverständlichkeit gleich null. Besser Christian Elsner (Tenor) und am stärksten Reinhard Hagen (Bass). Insgesamt allerdings: Es wurde Licht!

AZ vom 14.06.2010
Katholische Aufklärung
Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ mit den Münchner Philharmonikern und dem Philharmonischen Chor im Gasteig
Die längeren Bemühungen um historische Aufführungspraxis beim Orchester der Stadt in Ehren – aber so richtig platzte der Knoten erst jetzt: Unter Thomas Hengelbrock gelang den Philharmonikern samt Chor eine rundum erstklassige Aufführung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“.
Schon bei der „Vorstellung des Chaos“ überschriebenen Ouvertüre zeichnete sich Außerordentliches ab: Gleichsam auf der Stuhlkante wurde gespielt, jede Linie bei äußerster Zurückhaltung mit höchstem Ausdruck aufgeladen. Bläser und Streicher wagten und gewannen mit dem, was das Schwerste ist und den Phiharmonikern oft nicht leicht fällt: einer sehr leisen, dennoch höchst spannungsvoll gespielten Musik. Danach strahlte der Chor beim „Es werde Licht“ wie ein Feuerwerk.
Bis zum Schluss holte Hengelbrock den katholischen Optimismus Haydns mit aufklärerischer Klarheit und ohne romantischen Bombast heraus. Der Dirigent wirkt in der Aufführung locker und kollegial, schien aber bei den Proben unmissverständlich deutlich gemacht zu haben, was er zu hören wünscht. Die Philharmoniker mussten bei dezenter Vibrato-Zurückhaltung nicht über den Schatten springen: Der runde, warme Ton blieb erhalten. Für eine historisierende Farbe sorgte der vorzügliche, wie improvisiert spielende Florian Birsak am Hammerklavier. (...)

SZ vom 15.06.2010
Hengelbrock mit Haydns "Schöpfung" früh am Tag
(...) hat Hengelbrock aus der historisch informierten Aufführungspraxis natürlich einiges mitgebracht, was die Münchner Philharmoniker jetzt umsetzen: Durchsichtigkeit des Klangbildes, Schärfe der Phrasierungen, prägnante dynamische Kontraste. Hengelbrock horcht in der Philharmonie im Gasteig "Die Schöpfung" von Joseph Haydn plastisch aus, gestaltet auch die Rezitative individuell und sorgt für bezaubernde Momente im Pianissimo. Der Philharmonische Chor München klingt farbig und lebendig. (...)


08/09.05.2010 | Philharmonie
Felix Mendelssohn Bartholdy: Ein Sommernachtstraum op. 61
Dirigent: Dennis Russell Davies

SZ vom 11.05.2010
Sportlich und überwältigend
Die Münchner Philharmoniker unter Dennis Russell Davies
"Nicht gestohlen, sondern gefälscht" seien "alle Antiquitäten in diesem Stück" bemerkte Alfred Schnittke ironisch über "(K)ein Sommernachtstraum für großes Orchester". Tatsächlich beginnt es mit einer Mozartschen Kantilene in schlichtem C-Dur, raut schnell auf zu schrillem Varúse-Imitat und mäandert weiter mit teils reizvollen, teils grotesken Collagen und Stilmimikry aller Art. Die Münchner Philharmoniker mäanderten virtuos mit unter dem sportiven Dirigat des Amerikaners Dennis Russell Davies: ein frivoler, aber brillanter Auftakt im Gasteig.
Dann aber betrat der Star des Abends das Podium: Lise de la Salle. Das 22-jährige Klavierwunder aus Frankreich stürzte sich in das heimliche fünfte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow, seine Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43. Dem hingetupften Entree folgten schnell die sanften und die halsbrecherischen Rasereien des Variationenwerks über eine der 24 Capricci des italienischen Teufelsgeigers. Erst in der siebten Variation beruhigte sich der Slalom mit der archaischen Feierlichkeit des "Dies irae"-Motivs. Solche Erhabenheit gelang der jungen Pianistin ebenso wie das schwärmerische Pianissimo in der 18. Variation und die bravourösen Läufe der elften. Trotzdem führte sie mehr ihre virtuosen Talente vor als die poetischen. Dazu passte die kühle Spröde bei einer der "Nuages gris" von Liszt als Zugabe.
Dann überwältigten die Philharmoniker mit dem Original des "Sommernachtstraums" op. 61 von Mendelssohn. Davies begann den klassischen Evergreen mit der Ouvertüre op. 21, inspirierte die Damenriege des Philharmonischen Chores mit den Solistinnen Sigrid Plundrich (Sopran) und Maria Helgath (Mezzo), zeichnete Farben, Düfte und Elfen, aber scheute im triumphalen "Hochzeitsmarsch" weder Donner noch Drücker. Klaus P. Richter


24./25./26./27.02.2010 | Philharmonie
Joseph Haydn: Missa in Tempore Belli ("Paukenmesse")
Dirigent: Christopher Hogwood

SZ vom 26.02.2010
Es wird Frühling
Christopher Hogwood bei den Münchner Philharmonikern
Welch lichte Schönheit, herrlich, herrlich, herrlich. Haydns Messe mit dem Titel "Missa in Tempore Belli" - Messe in Kriegszeiten also - ist ein probates Mittel gegen die Schrecknisse der Welt. Und dabei ein sehr souveräner Ausdruck von Religiosität. In einem wunderbaren Moment dieses rundum schönen Konzerts wird das besonders deutlich. Im Gloria singt Michael Volle die Zeilen "qui tollis peccata mundi". Volle singt diese exquisite Solopassage, begleitet vom instrumentalen Gesang des Solocellisten Michael Hell, als selbstbestimmtes Individuum. Das ist kein Flehen, nicht einmal ein Bitten; hier fordert ein Mensch ein durch seinen Glauben selbstverständlich gewordenes Recht ein. Das ist völlig legitim, objektiv. Wenn es einen Gott gibt, dann hat er sich danach zu richten.
Christopher Hogwood dirigiert die Münchner Philharmoniker, und ganz kurz stellt man sich die Frage, ob er, Jahrgang 1941, angesichts der derzeit laufenden Verhandlungen mit Lorin Maazel um eine mögliche Thielemann-Nachfolge nicht zu jung dafür sei. Diesen Impuls unterdrückt man freilich schnell und lässt sich in der Philharmonie verzaubern vom vor allem im Leisen berückenden Klang des Philharmonischen Chors und dem Orchester, das frei, fast fröhlich, der frühlingshaften Leichtigkeit Haydns und Hogwoods folgt.
Davor eine Demonstration der Leistungsfähigkeit: Die vier Instrumentalsolisten in Martinus Sinfonia concertante sind allesamt leitende Mitglieder des Orchesters. Ulrich Becker, Bence Bogányi, Sreten Krstic und Michael Hell musizieren mit Grandezza, Eleganz und ironischer Selbstverständlichkeit, als bestünden sie als festes Quartett in der wundersamen Besetzung Oboe, Fagott, Cello und Violine und wären nicht einfach Kollegen in einem großen Klangapparat. Überall herrscht musikantische Freude. Egbert Tholl

MM vom 26.02.2010
Drama und Dialog
Münchner Philharmoniker, Philharmonie
So inspiriert und erfrischt verlässt man den Konzertsaal nicht oft. Dirigent und Alte-Musik-Experte Christopher Hogwood begeisterte bei seinem Debüt mit den Münchner Philharmonikern mit einem kurzen "knackigen" Programm. Schon zu Beginn mit zwei eher unbekannten Werken. Der Ouvertüre zu Victor Hugos Schauspiel "Ruy Blas" merkte man nicht an, dass der 30-jährige Mendelssohn das Intrigenstück nicht mochte. Seine forsche, farbsatte, dramatische Musik mit wiederholtem Blechbläserauftritt dient vielleicht weniger dem Drama als sich selbst. Das jedoch mit kerniger Wirkung, zumal die Philharmoniker sofort in der Spur waren - und das mit vibratolosem Streicherklang.
Mit Martinus Sinfonia Concertante leitete Hogwood geschickt zu Haydn über: Martinu übernimmt vom verehrten Meister neben der Form auch die Besetzung für Violine, Oboe, Fagott und Cello und bestückt sein Streichorchester mit Hörnern, Klarinetten und Klavier. Das führt in den drei Sätzen zu erquicklichen Solisten-Dialogen, aber auch zu aparten Verknüpfungen im Zusammenklang gegenüber dem großen Orchester. Immer wieder meldet sich das Klavier als Motor des Stücks zu Wort.
In Joseph Haydns "Missa in Tempore Belli" vereinte Hogwood den Philharmonischen Chor, das Orchester (mit Naturhörnern und -trompeten) und ein erlesenes Solisten-Ensemble mit Simona Saturová (Sopran), Stella Doufexis (Mezzo), Benjamin Bruns (Tenor) und Michael Volle (Bariton) zu einer lebendigen, eindringlichen Wiedergabe.
Gabriele Luster


07.02.2010 | Philharmonie
Richard Strauss: Elektra
Dirigent: Christian Thielemann

Klassikinfo vom 09.02.2010
Die Sänger leisten Ungeheueres
Die Baden-Badener "Elektra" mit den Münchner Philharmonikern unter Thielemann war jetzt konzertant in München zu erleben

Momente der Rührung sind in Strauss' "Elektra" eher selten. Der Auftritt des Ägisth, des täppischen Liebhabers von Elektras Mutter Klytämnestra zählt eigentlich nicht dazu. Doch wenn der einstige große Wagner-Tenor René Kollo die Bühne der Münchner Philharmonie betritt, um Elektra nach den Boten zu fragen, die "das von Orest" berichten, dann ist das ein bewegender Moment. Und Kollo bleibt der Figur stimmlich nichts schuldig, singt den in Unwissenheit seinem Verderben entgegen gehenden Hausherrn mit noch immer durchschlagkräftigem Tenor. Ein anderer Moment der Rührung, der wohl ergreifendste der Oper, ist natürlich die Wiedererkennungszene zwischen Elektra und dem tot geglaubten Bruder Orest. Wie hier Thielemann das Orchester vom markerschütternden Aufschrei zum liebeszarten Säuseln bändigt, das ist einfach phänomenal. Und die Philharmoniker spielen das mit einer in der Oper kaum zu erlebenden Präzision und Konzentration. Es ist vor allem diese punktgenau Übereinstimmung von Orchester und Stimmen, die diese konzertante "Elektra" zu einem so überwältigenden Erlebnis machte (die Kritik der szenischen Version in Baden-Baden können Sie hier lesen). Die Abgründigkeit und Gewalttätigkeit des Textes, der in seiner dichterischen Kraft der Bilder beispiellos in der Operngeschichte sein dürfte, fand in dieser Aufführung den unmittelbarsten musikalischen Ausdruck. Hier wurden das dichterische Wort direkt zu Musik, waren die Gesangslinien in jedem Ton mit sinnstiftender deklamatorischer Schärfe versehen. Vor allem die Sängerinnen der Elektra und der Klytämnestra leisteten hier Ungeheueres, kaum zu Überbietendes. Linda Watson als Elektra ist einfach sensationell. Sie baut die Partie mit einem ungeheueren Spannungsbogen auf, der am Ende fast zwangsläufig in den Tod der Figur mündet, so als könnte es gar nicht anders sein. Und Jane Henschel als Klytämnestra ist so schaurig-abgründig und dabei doch auch bemitleideswert, dass man erschauert. Jede einzelne Rolle war phantastisch besetzt: Manuela Uhl als leidenschaftliche, anrührend leidende Chrysothemis, Albert Dohmen als markiger Orest - von der Schleppenträgerin bis zur fünften Magd hervorragende Stimmen, wohin man auch hörte. Das gilt auch für den intensiv singenden Philharmonischen Chor unter der Leitung von Andreas Herrmann.
Robert Jungwirth

SZ vom 09. Februar 2010
Gier nach dem Exzeptionellen
Phänomenal: die konzertante "Elektra" der Philharmoniker
(...) Thielemann bindet alle Härte des Stücks in kluge Bögen ein, lässt den Musikern momenthaft freien Lauf, schafft ganz neue Zusammenhänge, die Musik erblüht in einer Eleganz, die an den "Rosenkavalier" gemahnt, ohne die Expressivität zu mildern. Sänger (vor allem die unverwüstliche Linda Watson als Elektra, die brüchig-faszinierende Jane Henschel als Klytämnestra und die strahlende Chrysothemis der Manuela Uhl) und Orchester feiern ein Fest, das Publikum jubelt 15 Minuten lang. Egbert Tholl

pnp.de vom 09. Februar 2010
Sie vermissen ihn jetzt schon
Christian Thielemann wird einmal mehr zum Star bei der „Elektra“ in München
Und so jemanden lassen sie gehen. Wieder einmal Kopfschütteln in der Münchner Philharmonie nach einem großen Abend. Dass die konzertante Aufführung von Richard Strauss’ „Elektra“ nach dem riesigen Erfolg in der Vorwoche in Baden-Baden nun auch im Gasteig gelang, dafür haben ein Starensemble mit der amerikanischen Sopranistin Linda Watson als Elektra und die Müchner Philharmoniker gesorgt. Und vor allem Christian Thielemann, der Noch-Generalmusikdirektor, den sie gehen lassen, (...)
--- Thielemann sorgt für Sternstunden ---
Jedenfalls haben die Philharmoniker im Gegensatz zu den Kollegen des BR keinen eigenen Sender, der jeden Ton PR-gerecht aufbereitet. Unter Thielemann indes erleben die Philharmoniker Sternstunden - und sorgen beim Publikum für ebensolche. Am Sonntagabend waren es eineinhalb, als Thielemann, seine Musiker und eine glänzende Linda Watson vergessen machten, dass man sich in einem relativ uncharmanten Konzertsaal mit ebensolcher Akustik befindet. Dazu ist Oper pur geboten, also keine Kostüme, kein Bühnenbild, keine Regie. Was zählt ist einzig die Musik: Linda Watsons Sopran wütet über den Mord an ihrem Vater, wird aber niemals gellend und ist so eindringlich, dass man sich sofort auf ihre Seite schlagen muss - doch sie sinnt auf Rache. Gegen ihre Strahlkraft müssen auch Manuela Uhl, Jane Henschel, Albert Dohmen und René Kollo etwas verblassen.
Thielemann lässt nicht eine Sekunde die Verbindung zwischen Sängern und Orchester brechen, überlässt nichts dem Zufall. Er sucht den Blickkontakt zu Watson, treibt voran, ordnet, formt seinen Klang. Er ist der Star des Abends und doch umarmt er am Ende spontan die Sängerin und applaudiert ihr. Und die rund 2000 Zuhörer bescheren trotz vieler Bravi für Linda Watson doch „ihrem“ Dirigenten Thielemann den meisten Applaus. Während sie sich fragen, wie man so einen gehen lassen kann. . .


15.11.2009 | Herkulessaal
Anton Bruckner: Messe Nr. 3, f-moll
Dirigent: Andreas Herrmann

SZ vom 18. November 2009
Mission erfüllt
Der Philharmonische Chor mit Bruckners f-Moll-Messe im Herkulessaal

Als der Chor diese gewichtigste unter Anton Bruckners Messe-Vertonungen zuletzt sang, und das war im Jahr 1990, brauchte Sergiu Celibidache dafür geschlagene achtzig Minuten. Das durfte nur Celi. Glücklicherweise versucht Andreas Herrmann gar nicht erst, dem Übervater nachzueifern, und schafft es in der üblichen guten Stunde. und dem Chordirektor, der sonst so oft bescheiden hinter den Philharmoniker-Dirigenten zurücktreten muss, gelingt im ausverkauften Herkulessaal das Unerwartbare: Zwanzig Jahre nach Celi erlebt München erneut eine überwältigende Aufführung der f-moll-Messe.
Der Philharmonische Chor glänzt mit makelloser Intonation, absoluter Homogenität und perfekter Sprachbehandlung. Alle Dynamikstufen stehen ihm zur Verfügung und auf jeder klingt er gleichermaßen gut. Rein und dicht der perfekt gemischte Pianoklang in den A-Cappella-Passagen, monumental die Fortissimo-Emphasen, unter denen die begleitenden Münchner Symphoniker fast verloren gehen. Auch weil Andreas Herrmann - einzige Schwäche der Aufführung - zu sehr über die Köpfe des Orchesters hinweg dirigiert und so im Gemeinsamen nicht immer Koordination gewährleistet, während er in Ein- und Überleitungen auch den Symphonikern leuchtende Farben abgewinnt.
Mission erfüllt: Herrmanns Tempokonzept ist spannungsreich durchdacht, die Übergänge in feiner Agogik herrlich fließend, souverän geführt und frei ins grandiose auslaufend die Steigerungen. Ein Glück nur, dass Bruckner-Messen Chormessen sind: Sowohl Sopranistin als auch Bassist mussten krankheitsbedingt kurzfristig ersetzt werden. Andreas Hirtreiter rettete die Ehre des Quartetts in der so heikel liegenden Tenorpartie.
Michael Stallknecht