Saison 2010/2011

29.07.2011 | Königsplatz
Gipfeltreffen der Stars -
Anna Netrebko, Erwin Schrott, Jonas Kaufmann

Werke von Charles Gounod, Jules Massenet, Giacomo Puccini, Giuseppe Verdi und Pablo Sorozábal
Prager Philharmoniker
Dirigent: Marco Armilliato

Süddeutsche Zeitung (Münchner Kultur) vom 01.08.2011
Heiße Gefühle
Netrebko, Kaufmann und Schrott
München - Er hätte sich als hier Geborener furchtbar geschämt, 'wenn das Ganze baden gegangen wäre', versicherte Jonas Kaufmann den Tausenden auf dem Königsplatz, bevor er Richard Taubers 'Du bist die Welt für mich' mit wunderbarem Schmelz in die raue, kalte Abendluft schmetterte und damit auf der Schluss-Geraden des 'Gipfeltreffens der Stars' den Endspurt einläutete.
Nachmittags hatte es noch aus Kübeln geschüttet. Nun blieb es trocken bis weit nach 22 Uhr, als Anna Netrebko mit Puccinis 'Un mio babbino caro' als erster Zugabe ein letztes Mal die Herzen wärmte. (...)
Dass die Netrebko über die Juwelenarie aus Gounods 'Faust', mit der sie als erstes auftrat, stimmlich hinausgewachsen ist, bewies die große Szene der Leonora aus Verdis 'Trovatore', die sie mit Chor und samt Cabaletta fulminant meisterte. Jonas Kaufmann dagegen brillierte nicht nur mit 'Cielo e mar' aus 'La Gioconda', sondern vor allem mit dem ungemein ausdrucksstark gesungenen Abschied des Turridu von der Mutter am Ende der 'Cavalleria rusticana'. (...)
Am Ende dann das große, brausende Finale mit Himmlischem Chor, Orchester und Orgel von Gounods 'Faust', bei dem Netrebko (Gretchen), Kaufmann (Faust) und Schrott (Mephisto) noch einmal richtig aufdrehen konnten.
Klaus Kalchschmid

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Augsburger Allgemeine vom 01.08.2011
Netrebko, Schrott und Kaufmann
Opern-Spektakel in München: Ein Kuss am rechten Platz
Wahrscheinlich lag es an der kühlen Witterung, dass erst gegen Ende im Publikum hörbare Begeisterung für die Opern-Stars aufkam. Anna Netrebko mag es gespürt haben. Von Stefan Dosch
Anna nicht in den Armen von Erwin, sondern auf Tuchfühlung mit einem anderen? Was dem Boulevard eine Schlagzeile wert wäre – Krise beim illustren Sängerpaar Netrebko/Schrott! –, ist jedoch der Opernkonvention geschuldet. Denn die romantische Oper (mitsamt ihren Verwandten) will nun mal keinen anderen als den Tenor an der Seite der Primadonna sehen. Und so rückt im Duett „Toi! Vous!“ aus Jules Massenets „Manon“ eben der in hoher Stimmlage singende Jonas Kaufmann eng heran an die Sopranistin Anna Netrebko – und nicht deren Angetrauter und Kindsvater Erwin Schrott, der leider ein Bassbariton ist.
Mit solchen Pikanterien spielt natürlich das „Gipfeltreffen der Stars“, das Münchner Königsplatz-Freiluftkonzert der weit über die Operngemeinde hinaus bekannten Vokalartisten Netrebko, Kaufmann, Schrott. Und doch war der Auftritt der drei Sänger keineswegs als bloßes Spektakel inszeniert, präsentierte die Programmauswahl den rund 15000 Zuhörern keineswegs bloß die üblichen Wunschkonzert-Arien. Ein Schwerpunkt war der französischen Oper gewidmet, gleich dreimal waren Ausschnitte aus Charles Gounods „Faust“ zu hören.
So hatte denn auch die Netrebko ihren ersten Auftritt mit der Juwelenarie der „Faust“-Marguerite („Ah! Je ris de me voir“), accompagniert von Publikums-Entzückenslauten, welche nicht zuletzt ihrer zunächst gelb (und nach der Pause blau) schimmernden Robe gegolten haben dürften. Wirklich in Bann zu schlagen aber vermag die Russin auf anderem Gebiet, kommt ihrer Stimme doch nach wie vor der Rang einer Ausnahmeerscheinung im Fach der lyrischen Soprane zu. Berückend die Fülle, der Resonanzreichtum, der schiere Goldglanz, womit sie gerade in höheren Regionen aufzuwarten vermag. Fabelhaft die Kontrolle über das Organ, wenn sie bei hoch angesetzten Tönen die Stimme langsam zurücknimmt, etwa in der „Miserere“-Szene der Leonora aus Verdis „Trovatore“. Und natürlich leuchtet diese Stimme auch in der Mittellage in warmen, kraftvollen Farben.
-- Das Raubtier im Mann --
Wer es noch nicht wusste, dass Erwin Schrott mehr ist als der Mann an der Seite einer famosen Sängerin, der erhielt an diesem Abend Nachhilfe. Der aus Uruguay stammende Bassbariton verfügt über prachtvolles Stimmmaterial mit kernig-maskuliner Schwärze, die einhergeht mit eindrucksvoller Beweglichkeit und einer frei im Brustregister sich entfaltenden Höhe. Diesem Stimmtyp liegen natürlich trist bis finster eingefärbte Partien wie die Arie des Banco „Come dal ciel precipita“ aus Verdis „Macbeth“ oder die Auftritte des Méphistophèles im „Faust“ von Gounod (darunter „Le veau d’or est toujours debout“). Leporellos Registerarie aus Mozarts „Don Giovanni“ dagegen gerät ihm fast ein wenig zu aufreißerisch: Schrott, der auch den Protagonisten dieser Oper im Repertoire hat, klingt, wenn er unverhohlen raubtierhaft die Vorzüge der Frauen verschiedener Nationen aufzählt, mehr nach Giovanni als nach dessen Diener Leporello.
(...)
Am Materialaufwand für dieses Großereignis war nicht gespart worden, und so fand sich unterm Bühnenzelt nicht nur ein groß besetztes Orchester in Gestalt der saftig, wenn auch manchmal etwas robust musizierenden Prager Philharmoniker unter dem agilen Marco Armiliato, sondern auch der Philharmonische Chor München, der in einigen Opernszenen hinzutrat und damit das Programmspektrum erweiterte. Wahrscheinlich lag es an der zwar trockenen, aber doch kühlen Witterung, dass erst gegen Ende des zweiten Teils im Publikum hörbare Begeisterung aufkam. Anna Netrebko mag es gespürt haben, vielleicht gab sie deshalb den Zigtausenden auf den Heimweg noch einen rechten Herzenswärmer mit, „O mio babbino caro“ aus Puccinis „Gianni Schicchi“.
Zuvor übrigens, bei Gershwins „Porgy and Bess“, hatte sie dann doch noch in die richtigen Arme gefunden. Im Duett „Bess, you is my woman now“ gab es, von Großmonitoren bis in den hintersten Königsplatz-Winkel getragen, von Erwin für die Anna einen Kuss.

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Berliner Morgenpost vom 31.07.2011
"Gipfeltreffen der Stars"
Netrebko, Schrott und Kaufmann in München bejubelt
Opernstars aus Russland, Uruguay und Bayern, dazu ein tschechisches Orchester mit italienischem Dirigenten: Es geht international zu beim "Gipfeltreffen der Stars"
Bunt gemischt ist auch das Programm, das Sopranistin Anna Netrebko, Bassbariton Erwin Schrott und Tenor Jonas Kaufmann in München (Berlin folgt am 16. August) bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt präsentieren: Opern- und Operettenmelodien aus drei Jahrhunderten - von Mozart über Verdi und Gounod bis hin zu Gershwin und Tauber. Obwohl die vor den klassizistischen Propyläen aufgebaute Bühne 38 mal 16 Meter misst, ist sie dicht gefüllt. Mehr als 100 Musiker bevölkern das Podium: Die drei Opernstars werden begleitet von der Prager Philharmonie unter der Leitung von Marco Armiliato und dem Philharmonischen Chor München. Bis die rund 15 000 Menschen auf dem Königsplatz Netrebko, ihren Lebensgefährten Schrott und Kaufmann erstmals zusammen zu hören bekommen, vergeht fast eine Stunde. Unmittelbar vor der Pause singen die drei Klassikstars das Finale des 3. Akts der eher unbekannten Verdi-Oper "I lombardi alla prima crociata". Ein zweites Terzett folgt am Ende des Konzerts mit dem Finale des 5. Akts aus Gounods "Faust". Dazwischen sind die Sänger allein oder im Duett zu hören. Netrebko und ihr Lebensgefährte Schrott begeistern mit einem Stück aus Gershwins "Porgy and Bess", Kaufmann gibt mit der Russin Duette von Massenet und Verdi zum besten. Alle drei Sänger wie auch der italienische Dirigent präsentieren sich gut gelaunt und streuen hin und wieder einen Scherz ein. Für Kaufmann ist es ein echtes Heimspiel: Von der Bühne aus kann er zur Münchner Musikhochschule hinüberblicken, an der "ich das Handwerk gelernt habe", wie er dem Publikum sagt. Und Kaufmann ist es auch, der während des Konzerts die meisten "Bravo"-Rufe erhält. Trotz Ticketpreisen von bis zu 340 Euro ist der Königsplatz nahezu komplett gefüllt. Und wie bei einem Popkonzert stürmt ein Teil des Publikums am Ende des fast dreistündigen Auftritts vor die Bühne, zückt Fotohandys und Kameras. Bei den Zugaben erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt.

Kritik zu Gipfeltreffen der Stars (Königsplatz München)
klassik.com vom 29.07.2011
(...) Zusammen mit dem Philharmonischen Chor München unter der Leitung von Andreas Herrmann verschmelzen Chor und Orchester zu harmonischen Präsentationen, (...)


11./12./13.07.2011 | Philharmonie
Johann Sebastian Bach: Ich will den Kreuzstab gerne tragen
Wolfgang Amadeus Mozart: Ave verum, Krönungsmesse

Dirigent: Ton Koopman

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Ton Koopman

Süddeutsche Zeitung vom 14.07.2011
(...) Der deutlich verkleinerte Philharmonische Chor München klingt bestechend schlank und durchhörbar in den Stimmen, reagiert mit flexibler, dabei warmer Tongebung auf jeden Koopmanschen Fingerzeig. Denn freilich, nicht bei jeder Kirchweih klingt es wie bei Koopman: so kontrastreich, so hell, so fröhlich.

Abendzeitung vom 13.07.2011
(...) hier präsentierte sich zudem der Philharmonische Chor mit samtenem, sonorem Duktus. Der Chor war es auch, der im zweiten Teil des Abends in Mozarts "Krönungsmesse" und dem "Ave verum corpus" am meisten überzeugte.


26.06.2011 | St. Katharina, Wolfegg

Wolfgang Amadeus Mozart: c-moll-Messe
Internationale Konzerte Wolfegg
Concerto Classic Wien, Philharmonischer Kammerchor München
Dirigent: Manfred Honeck

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Manfred Honeck

Pressemeldungen Schwäbische Zeitung und Vorarlberger Nachrichten

28./29.06.2011


02.05.2011 | Philharmonie
Ludwig van Beethoven: 9. Symphonie d-moll (Ode an die Freude)
Benefizkonzert für Japan
Symphonieorchester des BR, Bayerisches Staatsorchester, Münchner Philharmoniker, Chor des BR, Staatsopernchor, Philharmonischer Chor
Dirigent: Zubin Mehta

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Zubin Mehta

Süddeutsche Zeitung (Kultur) vom 4.5.2011
Eines Freundes Freund zu sein
Nicht nur für den guten Zweck: Das gemeinsame Benefizkonzert der drei Münchner Orchester zugunsten der Erdbebenopfer in Japan ist auch künstlerisch ein herausragendes Erlebnis
Natürlich hat man diese Musik schon oft gehört, sie tönt im Inneren, kaum erklingen die ersten Töne. Aber hat man sie jemals so gehört, die neunte Symphonie von Beethoven? Es ist von trauter Erinnerung, beispielsweise, wie im vierten Satz die tiefen Streicher erstmals das alles entscheidende Thema vollständig spielen, hier mit sanftem Druck, mit einer Wucht, die nicht tönt, die sich einfach in den Raum schiebt. Wie sich das Fagott dazu gesellt, mit entzückender Schüchternheit, wie die Bratschen mit warmer Liebe hinzutreten, als wollten sie die grummelnden Kollegen umarmen, wie schließlich die Violinen die Melodie mit strahlendem Glanz versehen, bevor im langen Crescendo das wilde Chaos aufschäumt, dem der Bariton Einhalt gebieten wird. Nicht diese Töne.
Das alles kennt man. Aber an diesem Abend hört man es wie neu, den langsamen Aufbau des erst rein instrumentalen, dann auch vokalen Jubelchors, die Genese dieses Jubels aus Chaos und auch Kampf, per aspera ad astra. Der vierte Satz, und zwar vor dem Einsatz der Sänger, wird hier unmittelbar spürbar als Nukleus der ganzen Symphonie. Und da dieser Abend eben völlig anders ist als alle anderen Abende, spürt man in diesen Takten etwas, was viel, viel größer ist als die Musik selbst, als ihr Aufbau und ihr Verlauf, größer noch als ihr eh und immer innewohnender Idealismus. Es ist die Überwindung aller Pein durch Schönheit. Deswegen gibt es dieses Konzert. Hier erfüllt sich, wovon Zubin Mehta lang vor dem Konzert sprach: Das Volk der Japaner braucht eine Umarmung.
Man weiß nicht, wie oft man dieses Konzert in der Philharmonie im Gasteig hätte geben können. Ein Orchester, dass es so noch nie gab, gebildet aus Mitgliedern der Münchner Philharmoniker, des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und des Staatsorchesters der Oper, ein Chor, den es so nie wieder geben wird, bestehend aus Mitgliedern des Opernchors, des Rundfunk- und des Philharmonischen Chors, ein erlesenes Solistenquartett und Zubin Mehta, sie führen zusammen Beethovens Neunte auf - und die ersten Menschen, die "Suche Karte"-Schilder vor ihre Brust halten, stehen bereits auf dem Bahnsteig der S-Bahn; sie werden ein Spalier bilden bis in die Philharmonie hinein. Es ist dabei vollkommen unerheblich, ob diese bereits a priori überbordende Begeisterung mit der besonderen Gestalt des Ensembles oder dem guten Zweck der Veranstaltung zusammenhängt. Es ist vielleicht gar nicht einmal wichtig, dass dieses Konzert 130000 EUR einspielen wird für die Erbeben- und Tsunami-Opfer. Das Herausragende ist die Geste.
Diese ist eine Geste der Menschlichkeit, der Liebe und auch des Danks. Tausendmal mehr wert als die konkrete, obgleich enorme Summe Geldes.
Alle drei Orchester - die Chöre implizit inbegriffen - haben eine besondere Beziehung zu Japan, reisen regelmäßig dorthin. Die Musiker lieben die phantastischen Säle dort, von denen einer der besten, der in Kawasaki, durch das Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen worden sein soll, sie lieben die Begeisterung des japanischen Publikums - und geben dafür etwas zurück. Einige der Orchestermitglieder haben japanische Partner, einige stammen selbst von dort. Sie alle haben Freunde und Verwandte dort. Namiko Fuse etwa, Geigerin bei den Philharmonikern. Ihre Eltern und ihre Schwester leben in Tokio. Sie können nicht weg. Die Eltern sind zu alt, die Schwester hat zwei kleine Kinder. Namiko hat Angst. Und erzählte von Kollegen, auch von den Philharmonikern, die im Juni und Juli nach Japan gehen wollten, um dort Konzerte zu geben.
Oder Andreas Marschik, Bratscher beim BR-Symphonieorchester, seit 18 Jahren mit einer Japanerin verheiratet. 30 mal war er dort. Und berichtete, dass eines der ersten Gebäude, das nach dem verheerenden Erdbeben in Kobe, 1995, wieder aufgebaut wurde, der Konzertsaal war. Darin wurde schon gespielt, als die Straßen noch krumm waren.
Vor dem Konzert hält Zubin Mehta eine kurze Ansprache, sagt, dass es eine besondere Ehre für ihn sei, mit diesem Konzert etwas Gutes tun zu dürfen. Vor der Neunten dirigiert er Bachs Air aus der dritten Orchestersuite. Danach solle man bitte nicht klatschen. Und sich zuvor zu einer Gedenkminute erheben.
Nach dieser erfüllt Bachs reine, transzendierende Schönheit den Saal. Und die Neunte danach wird zum fulminanten Erlebnis, überbordend in klanglicher Tiefe, in Gewalt, Ausdruck und Emphase. Anja Kampe, Lioba Braun, Klaus Florian Vogt und Michael Volle singen, als gälte es das Leben. Eine grandiose Dramatik, eine unglaubliche Klangwucht. Zum Applaus steht das Publikum im Gasteig, die Solisten kriegen Rosen. Zubin Mehta gibt seine einer Geigerin der Philharmoniker, Masako Shinone. Ein echter Freund.
Egbert Tholl

tz/Münchner Merkur vom 4.5.2011
Die große Koalition
Beethovens Neunte mit allen drei großen Orchestern unter Mehta
Es war das Klassik-Ereignis des Jahres: Mitglieder aller drei großen Münchner Orchester spielten in der Philharmonie Beethovens Neunte. Das Benefizkonzert für Japan brachte einen Erlös von 130000 EUR. Hier unser Bericht.
"Als ehemaliger Münchner" richtete Dirigent Zubin Mehta im ausverkauften Saal zunächste das Wort ans Publikum. Mehta, der langsamen Schrittes und sichtlich ergriffen aufs Podium kam, war am 11. März, zum Zeitpunkt des verheerenden Erdbebens, selbst in Tokio und erlebte die Erschütterungen im 20. Stock seines Hotels mit. Er bewundere "die innere Ruhe und Disziplin" des japanischen Volkes sagte Mehta. Vor allem aber hoffe er, "dass wir Gutes tun für die Tausenden von Leuten, die heute noch leiden." Er sei sicher, dieses Volk werde "wieder aufstehen."
Bayerisches Staatsorchester, BR-Symphoniker, Münchner Philharmoniker und die drei zugehörigen Chöre als große Klang-Koalition, das gab es noch nie. Anlässlich der Fußball-WM saßen zwar alle drei Orchester auf der Bühne im Olympiastadion, aber musiziert wurde damals getrennt.
Beethovens Neunte ist in Japan das meist gespielte Klassikstück. Dennoch waren logistische Probleme und kleine Eitelkeiten zu bewältigen: Wer darf an den ersten Pulten sitzen? Wer überhaupt mitspielen? Die Klausur der Orchestervorstände brachte ein demokratisches Ergebnis: Sreten Krstic von den Philharmonikern amtierte als Konzertmeister, neben ihm am Pult Florian Sonnleitner vom BR, und auch die übrigen Stimmführerposten waren salomonisch verteilt. Innerhalb von 48 Stunden waren die Karten (20 bis 90 Euro) vergriffen. Sogar die üblichen Verdächtigen aus BR, Politik und Kulturadministration mussten zahlen. Ein Konzert mit unüblicher Promi-Dichte war's trotzdem: Mariss Jansons lauschte dem Dirigat des Kollegen, Kunstminister Wolfgang Heubisch, Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler, BR-Chef Ulrich Wilhelm und viele andere wurden gesichtet.
nach einigen Air aus Bachs dritter Orchestersuite folgte Beethovens Neunte eine Spur gebremster und abgeklärter als üblich. Eine imponierende, wuchtige, gleichwohl gediegene Interpretation, die im Adagio jegliche Rührseligkeit vermied. Die Reaktionen im Publikum: zwischen Ergriffenheit und Tränen bis zum heiteren kurzen Schwätzchen zwischen Ministerialdirigent Toni Schmid, graue Eminenz des Kunstministeriums, und Bachler.
Markus Thiel

Münchner Philharmoniker - Gegründet 1893 unter dem Namen Kaim-Orchester, sind die Philhrmoniker das größte städtische Orchester.berühmt ist der Klangkörper etwa durch die Uraufführungen zweier mahler-Sinfonien unter Leitung des Komponisten. kein Geringerer als Wilhelm Furtwängler gab 1906 hier sein Dirigentendebüt. Vor Christian Thielemann waren u.a. Pfitzner, Rosbaud, rieger, Kempe und Celibidache Chefs am Pult.

BR-Symphoniker - das Orchester (Gründung 1949) zählt derzeit zu den besten der Welt - und hat nach wie vor keinen eigenen großen Konzertsaal. Vor dem derzeitigen Chefdirigenten Mariss Jansons waren Eugen Jochum, rafael Kubelik, Kirill Kondraschin (designiert), Sir Colin Davis und Lorin maazel die Bosse am Pult. Das hochkarätige Orchester bedient v.a. Klassik, Romantik und Moderne.

Bayer. Staatsorchester - Das Orchester der Staatsoper hat seine Wurzeln im Jahr 1523, als Ludwig Senfl die Münchner Kantorei gründete. Somit ist der Klangkörper einer der ältesten weltweit. Neben den Opern-Aufführungen bietet das Staaatsorchester auch regelmäßig Sinfonisches (Akademiekonzerte). Derzeitiger Chef ist Kent Nagano, vor ihm waren Größen wie u.a. Sawallisch, Solti, Kempe, Keilberth und Fricsay die Orchesterleiter.


24./25./26.3.2011 | Philharmonie
Gustav Mahler: 2. Symphonie c-moll (Auferstehung)
Dirigent: Ivan Fischer

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Ivan Fischer

Süddeutsche Zeitung (Feuilleton) vom 29.3.2011
Gemälde des jüngsten Gerichts
Ivan Fischer mit Mahlers Zweiter Symphonie in München
(...) Es war (...) die Stärke einer packenden 'Auferstehungssymphonie' in München, dass Ivan Fischer im vielleicht greifbarsten Werk des Symphonikers Mahlers nicht vergessen ließ, dass Mahler eben auch Operndirigent und -regisseur war. Der Ungar Fischer - sein Bruder Ádám ist ebenfalls ein bekannter Dirigent - nähert sich Mahlers Zweiter in der Philharmonie selbst mit besten Kapellmeistertugenden, setzt nicht nur die detaillierten Partiturvorschriften sämtlich um, sondern hält sogar die vorgeschriebene fünfminütige Pause nach dem ersten Satz ein. Die Dramatik der 'Totenfeier' bricht in teils heftigen Tempowechseln, in harschen Aufschwüngen und Abbrüchen hervor, ohne dass der Zug des Trauermarsches verlorenginge.
(...)
Wirklich überwältigend (...) gerät Fischer das finale Gemälde des Jüngsten Gerichts. Die Altistin Birgit Remmert singt das 'Urlicht' mit liedhaft klarer Diktion und hoher Dringlichkeit. Bewegungslos, wie aus dem Grab eben, stimmen der Philharmonische Chor und Simona Saturová mit zartem Sopran das 'Aufersteh"n' sitzend an, um sich nach und nach erst zu erheben. Ivan Fischer entfacht und entfaltet den 'großen Appell' als ein barockes Theatrum Mundi, das naiv nur nennen könnte, wer nicht wüsste, dass Mahler sich gerade im Glauben den kindlichen Blick auf die Dinge zu bewahren suchte.
Michael Stallknecht

Münchner Merkur und tz vom 26./27.3.2011
Dieser Dirigent steht auf Konfrontation - Klasse!
Mahlers Zweite mit Fischer & den Philharmonikern
Kein Leisetreter-Opus ist das, gewiss. Aber so extrem dynamisiert, so fast aufdringlich ist einem Mahlers Zweite noch selten passiert. Ivan Fischer führt bei den Münchner Philharmonikern vor, dass es da einen entscheidenden Unterschied gibt: zwischen den üblichen wohlig-satten Ausbrüchen und einer elementaren Kraft, die auf anderes aus ist - auf Konfrontation, vielleicht sogar auf Schmerz (Philharmonie).
Zugleich begriff man, weshalb Fischer als Erzieher ein solcher Ruf voraus eilt. Der Ungar arbeitet souverän im Detailbereich, ohne sich zu verzetteln, fordert mit klarem, bestimmenden Schlag absolute präzision - der die Streicher nicht immer nachkamen.
Musterhaft war Fischers Tempo-Dramaturgie: Vor allem im Kopfsatz glückte eine stufenlose, fast Unmerkliche Verzahnung von Mahlers Episoden, auch im Finale: Der große Dur-Durchbruch wurde imponierend verbreitert, um danach wieder Fahrt aufzunehmen bis zum wie irrsinnigen, aber klanglich immer trennscharfen Furor. Pathos oder Gefühligkeit ist diesem Dirigenten eher fremd. Fischer entgeht der Gefahr durch einen zügigen Grundpuls oder, wie im zweiten Satz, durch einen natürlichen, nie zu klebrigen Tanzrhythmus.
Eine glasklare Mahler-Deutung, der sich die Solisten und der Philharmonische Chor anschlossen. Die Nachwuchshörer im Jugendkonzert reagierten mit passenden Ovationen.
Markus Thiel

Abendzeitung vom 26./27.3.
Die Münchner Philharmoniker und Mahlers Zweite
Krasse Musik mit coolen Abstürzen
(...) ... war eine Deutung zu hören, wie man sie derart packend und stringent nur selten erlebt. Dabei überzeugte gerade die Wahl der Tempi innerhalb der Sätze, was bei Mahler besonders heikel ist. Galant, stets aber mit subtilem Witz und ungeheurem Drive wurde der zweite Satz durchstrukturiert. Weil Fischer zudem die kühnen klanglichen Effekte von Mahler schärfte, grinste im Scherzo mustergültig bitterböse Groteske. gerne wird über diese beiden Sätze hinwegdirigiert, hier aber wurde der Weltschmerz verlebendigt.
Mit berührender Innerlichkeit sng Altistin Birgit Remmert das "Urlicht", und wie das Sopransolo von Simona Saturova allmählich aus dem Abschlusschor herauswuchs, das war ein besonderes Erlebnis. Diese Zweite unter Fischer wird noch sehr lange nachklingen. und dass beim 4. Jugendkonzert am Donnerstag mitten im Kopfsatz geklatscht wurde, kann man dem jungen Publikum locker nachsehen. "Bei so vielen coolen Abstürzen kommt man durcheinander", sagte ein 16-jähriger Schüler. "Das ist eine krasse Musik."
Marco Frei


25./27.2.2011 | Philharmonie
Leonard Bernstein: Candide
Dirigent: Kristjan Järvi

Kristjan Järvi
Kristjan Järvi

Süddeutsche Zeitung (Feuilleton) vom 28.2.2011
Die Freuden der Gartenarbeit
Bernsteins "Candide" als Jugend-Pop-Event im Gasteig
Ob sich die beste aller möglichen Welten tatsächlich vertonen lässt, darüber gehen die Meinungen spätestens seit Leonard Bernsteins 1956 erstaufgeführter komischer Operette "Candide" auseinander. Das Stück war damals ein Reinfall. Voltaires Kurzroman "Candide" aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, bis zuletzt optimistisch allen drastisch ausgemalten Lebenskatastrophen in dieser unserer "besten aller Welten" zum Trotz, wollte sich nicht so recht der Bühne beugen und auch nicht Bernsteins zwischen Musical, Offenbach und Mahler vermittelnder Musik, deren Optimismus durchaus echt und so gar nicht von Ironie und Zweifeln angenagt klingt wie Voltaires Text.
Dennoch wurde "Candide" nicht aufgegeben, wurden immer wieder Versuche gemacht, das Stück für die Bühne zu retten. Zuletzt spielte Bernstein eine aus 31 prägnanten Kurznummern gedrechselte Zwei-Stunden-Fassung ein, ohne alle Dialoge. Für diese Fassung hatte dann Loriot im Jahre 1999 eigene Zwischentexte geschrieben, und in dieser Forrm führten die Münchner Philharmoniker den "Candide" auch am Freitag im Gasteig auf.
Ein großer Erfolg, zumindest im Jugendkonzert. Dirigent Kristjan Järvi (auch sein Vater Neeme und sein Bruder Paavo arbeiten als Dirigenten) ist stark interessiert an einer hörerfreundlcihen Moderne. Er ist Apologet eines Arvo Pärt, Tan Dun und John Adams - und schon klingen die Philharmoniker als hätten sie nie etwas anderes als Musical gespielt.
Vergnügen und Komik sind auch für die akustisch ungünstig, weil zu weit vorne aufgeestellten Solisten wichtigstes Kriterium an diesem Abend. Und so singen sich Jeremy Huw Williams, Patricia Petitbon, Kim Criswell, David Robinson, Marcus DeLoach, Jane McMahon und ihre Genossen durch die stets schrecklich endenden Abenteuer des unverdrossenen, in seinem Optimismus unerschütterlichen Candide, von der Begegnung mit Söldnern bis zum Erdbeben. Besonders der Philharmonische Chor hat es dem Jugend-Publikum angetan und wird bejubelt wie eine Popgruppe.
Als Pop-Event funktioniert der Abend ja auch wundervoll. Allerdings sollte man dabei nicht allzu genau auf Bernstein und Voltaire achten, die wohl auch noch andere Absichten haben. Die werden schon durch die von Otto Sander nicht immer allzu konzentriert vorgetragenen Zwischentexte Lorioits karikiert, der virtuos kleinbürgerliche Ressentiments verhackstückt und ansonsten eine endlose Folge von Orten und Fährnissen aufzählt. Loriots Humor hat nichts gemeinsam mit Voltaires philosophierendem Sarkasmus, aber auch nichts mit Bernsteins aufgekratzter Musik, die immer wieder von existenziellen Zweifeln angekränkelt ist.
Auch Mark T. Panuccio in der Titelrolle fällt mit seinem schnörkellos lyrisch geführtem Tenor aus der Reihe. Seine Melancholie, seine leisen wie zarten Töne lassen diesen Candide wie von einer anderen Welt erscheinen. Also kann er sich in dieser Karnevalsshow nicht behaupten. Dass der englisch gesungene Text weder übertitelt wird, noch im Programmheft vor- oder nachgelesen werden kann, macht es auch nicht leichter, unter all dem Entertainment die bös verzweifelte Schicht dieses "Candide" zu entdecken. Und so steht am Ende ein bloß biederes Idyll, das die Freuden der Gartenarbeit feiert und das bei Voltaire doppelbödig schrill ausgegebene fazit versöhnlich ernst nimmt: "Lasst uns arbeiten, ohne zu philosophieren, das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen."
Reinhard J. Brembeck


21.1.2011 | Meistersingerhalle Nürnberg
25.1.2011 | Heinrich-Lades-Halle Erlangen
Gustav Mahler: 2. Sinfonie
(Auferstehung)

Dirigent: Christoph Prick

Nürnberger Zeitung vom 24.1.2011
Mahlers 2. Sinfonie in der Meistersingerhalle
Klangwunder auf dem Weg ins Jenseits
NÜRNBERG - Großes Gedränge auf der Bühne, volle Reihen im Publikum: Bereits optisch bekam die Aufführung von Mahlers 2. Sinfonie am Freitagabend in der Meistersingerhalle den Charakter eines Großereignisses.

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Christoph Prick, GMD Nürnberg

Schließlich hatte Staatstheater-Chefdirigent Christof Prick für dieses thematisch wie musikalisch zwischen Tod und Auferstehung monumental ausgreifende Werk den Hans-Sachs-Chor, den Chor und Kammerchor der Universität Erlangen-Nürnberg und die Herren des Philharmonischen Chors hinter den groß besetzten Nürnberger Philharmonikern versammelt: Wenn diese 220 Stimmen im Finalsatz fast flüsternd „Aufersteh’n, ja Aufersteh’n wirst du“ intonieren, dann ist Gänsehaut garantiert.
Dabei wurden die Möglichkeiten einer Live-Aufführung – gegenüber einer CD-Aufnahme – voll ausgereizt. Das gilt nicht nur für die von den Chorleitern Julian Christoph Tölle und Andreas Herrmann differenziert ausgeformte vokale Pracht. Sondern auch für die beiden Fernorchester, die zuvor im Seitengang und hinter der Bühne der Distanz zwischen Diesseits und Jenseits eine Raumklang-Dimension gegeben hatten.
-- Requiem ohne Leidenspathos --
Die entfalteten auch die wild auffahrenden orchestralen Steigerungen, die Prick seinen Musikern nicht nur im Finale, sondern bereits in der „Totenfeier“ des ersten Satzes abverlangte. Ein irdisch raues, klangdramatisch geschärftes Requiem entstand da: kein plakatives Leidenspathos, sondern durch die Spannung des thematischen Ringens beglaubigte Ausbrüche der Verzweiflung. Die lyrischen Intermezzi, die etwas mehr Leuchtkraft verdient gehabt hätten, wirkten da höchstens wie Atempausen.
Besser zum Tragen kamen solche Passagen im ruhigeren zweiten Satz, bei dem die Philharmoniker die Tanzrhythmen patchworkartig montierten. Im dritten Satz, der „Des Antonius von Padua Fischpredigt“ aus der „Wunderhorn“-Liedersammlung in eine grotesk anmutende Klangwelt kleidet, nahm das Mahlersche Weltenkarussell, das für alle Ewigkeit irgendwo auf einem galizischen Jahrmarkt steht, gehörig Fahrt auf.
Vor diesem Hintergrund konnte sich das „Urlicht“-Solo von Alexandra Petersamer in seinem innig schimmernden, schwerelos leuchtenden Glanz, den die Mezzosopranistin geheimnisvoll abzuschatten wusste, wunderbar entfalten. Dass sich ihre Solostimme zusammen mit dem beseelten Sopran der soeben zur „Besten Opernsängerin 2010“ gekürten Heidi Elisabeth Meier in den orchestralen Wogen und der machtvoll anschwellenden Stimm-Flut des Chores akustisch behaupten konnte, war nicht einfach nur ein kleines Klang-Wunder, sondern eindrucksvoller Beweis dafür, wie klug Prick die hier wirkenden Kräfte steuerte und auszubalancieren wusste. Somit wurde Mahlers Auferstehungssinfonie nicht nur optisch, sondern vor allem akustisch zu einem Großereignis. Langer, verdienter Applaus für eine herausragende Leistung.
Das Konzert wird am 25. Januar, 20 Uhr, in der Erlanger Ladeshalle wiederholt.


30./31.12.2010, 2.1.2011 | Philharmonie
Ludwig van Beethoven: 9. Sinfonie in d-moll, op. 125
(Ode an die Freude)

Dirigent: Juraj Valcuha

SZ vom 3.1.2011
Zielorientiert
Die Neunte in der Philharmonie
München - Klar: Ein Teil des Publikums schielt bei Beethovens neunter Symphonie von vornherein auf den Schlusssatz. Stehen dafür wie bei den Münchner Philharmonikern mit Luba Orgonásová, Lioba Braun oder Robert Dean Smith prominente Solisten zur Verfügung, ist der klassische Festakt zum Jahreswechsel im Prinzip geritzt. In der Tat artikuliert der Philharmonische Chor die Ode 'An die Freude' am Ende enorm präsent und sprachlich präzis, bleibt auch in den gefürchteten Höhen weich und rund. Dass der Jubel nicht in Monumentalität versackt, dafür sorgt am Pult Juraj Valcuha, indem er straff gliedert und die Lautstärke nicht unnötig forciert (...)

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Juraj Valcuha

MM vom 3.1.2011
Kritiken in Kürze
Champagnerlaune
Münchner Philharmoniker, Philharmonie
(...) für die kurzen Momente "überm Sternenzelt" herrschten tatsächlich höhere, transzendente Sphären. Aber dass der Philharmonische Chor selbst diese ohne übermenschliche Anstrengung erlangte, war bezeichnend für die gesamte Aufführung (...)

AZ vom 3.1. 2011
(...)
Viel besser gelang das Finale, weil der von Andreas Herrmann einstudierte Philharmonische Chor auch in extremer Lage nicht forcieren musste. (...)


5./6./7.11.2010 | Philharmonie
Sergej Rachmaninoff: Kolokola (Die Glocken)
Dirigent: Dmitrij Kitajenko

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Dmitrij Kitajenko

AZ (Kultur) vom 8.11.2010
Gasteig: Die Philharmoniker unter Kitajenko
Und Prokofjew tanzt
Die Oldies im Orchester werden sich daran erinnert haben, wie der russische Dirigent Dmitrij Kitajenko einst beim Casals-Festival in Puerto Rico für Sergiu Celibidache in die Bresche sprang - und Bruckner dirigieren musste. Im Gasteig durfte er jetzt Musik ganz nach seinem Gusto präsentieren.
Prokofjews vierte Symphonie steht zu Unrecht im Schatten der weit populäreren fünften. man muss zwischen den Zeilen lesen, um ihre Schönheiten zu erkennen. Für Kitajenko war es ein Heimspiel. Anstatt zu klotzen, achtete er darauf, dass der tänzerische Charakter der Musik - man wählte die Erstfassung - erhalten blieb. Die Münchner Philharmoniker fühlten sich hörbar gut aufgehoben.
Obwohl populärer, sind die Rokoko-Variationen von Tschaikowsky live ebenfalls eher seelten zu erleben. Tatjana Vassiljewa musizierte den Cello-Part mit warmer, dabei stets energischer Tongebung und grandioser Technik. Und auch die Kantate "Die Glocken" von Rachmaninow zeigte, dass sich abseits des Mainstream so manche Entdeckung machen lässt. Eine hochromanztisch, expressive Musik, die zum Besten zählt, was der gelegentlich beckmesserisch beargwöhnte Komponist geschaffen hat.
Der Philharmonische Chor und kompetente Solisten - Olga Guryakova, Dmytro Popov, Arutjun Kotchinian - garantierten eine Aufführung, die alles in allem als authentisch gerühmt werden kann.
Volker Boser

MM (Kultur) vom 8.11.2010
Russische Apokalypse
Dmitrij Kitajenko, Münchner Philharmonie
Man hört immer wieder, die Musik wäre eine universelle Sprache, die keine Grenzen kennt. Aber nichtsdestotrotz scheinen die nationalen Klischees auch im globalisierten Konzertbetrieb höchst lebendig zu sein. Der Italiener dirigiert also Verdi, der Deutsche Beethoven... Und so hatte man nun auch bei den Philharmonikern für einen russischen Abend ein Team aufgeboten, das sich komplett aus den ehemaligen Sowjetrepubliken rekrutierte. Angeführt von Altmeister Dmitrij Kitajenko am Pult. Wobei dessen Lesart von Prokofjews vierter Sinfonie zunächst nur bedingt überzeugen wollte. Denn auich wenn das Werk seine Ballettvergangenheit gerade in der hier gewählten Erstfassung nicht verleugnen konnte, war von tänzerischer Leichtigkeit nur wenig zu spüren. Ein kleiner Aufschwung kam danach mit Tschaikowskys Rokoko Variationen, bei denen Cellistin Tatjana Vassiljeva um nuancierte Gestaltung bemüht war. Durch ihre teils etwas unsaubere Intonation kratzte sie oft nur an der Oberfläche.
Deutlich spektakulärer erwiesen sich hingegen Rachmaninows "Glocken". Vom Komponisten harmlos als "Liederzyklus" bezeichnet, offenbarte hier bereits der erste Einsatz des machtvoll auftrumpfenden Philharmonischen Chores die wahre Gestalt dieser Edgar-Allen-Poe-Vertonung. Ein Klang-Epos im Cinemascope-Format, das im dritten Satz schon fast apokalyptische Züge annimmt, für die Kitajenko Chor und Orchester entfesselt musizieren ließ. Dazu kamen mit Olga Guryakova und Arutjun Kotchinian zwei erfahrene Solisten, die sich gegen das übergroße Ensemble zu behaupten wussten, sowie mit Dmytro Popov noch ein interessanter junger Tenor, dessen Stimme heldischen Glanz und lyrischen Schmalz verbindet. Sodass man seinem bevorstehenden Staatsopern-Debüt mit Spannung entgegensieht.
Tobias Hell


15./17.10.2010 | Philharmonie
Gustav Mahler: VIII. Symphonie
(Symphonie der Tausend)
Dirigent: Christian Thielemann
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Klassikinfo von 17.10.2010
Mahlers Achte am Ort und mit dem Orchester der Uraufführung 1910
Mahlers Achte ist wahrhaft ein Koloss. Keine "Symphonie der Tausend" mit immerhin allein einem 350-stimmigen Knabenchor wie bei der Uraufführung vor fast genau 100 Jahren in München mit den seinerzeit noch "Orchester des Konzertvereins München" heißenden Philharmonikern war im Gasteig zu erleben, aber immerhin eine Aufführung durch 400 Sänger und Musiker, die so manchen Kritiker der Akustik der Philharmonie wohl verstummen ließ. Derart überwältigend war der Eindruck etwa der beiden Frauenchöre in Block E und L zusammen mit den Männern des Philharmonischen Chors und des Wiener Singvereins sowie des Tölzer Knabenchors vor der mächtigen, endlich einmal ausgiebig geforderten Orgel.
Schon der einleitende lateinische Pfingsthymnus "Veni creator spiritus" sprengte alles, was man bis dato in der Philharmonie gehört hatte. Und Christian Thielemann gelang die Quadratur des Kreises: Nie artete die Aufführung in Lärm aus, stehts waltete bei aller Emphase enorme Klarheit. Trotzdem berührten die zahlreichen leisen Passagen des zweiten Teils in der Vertonung des Finales von Goethes "Faust II" am meisten. Der Beginn des "Chorus Mysticus" mit dem berühmten "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis ...Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan" besaß einen großen, berührenden, feinen Zauber. Die immense Steigerung der Chormassen und die endlich rein instrumentale Apotheose waren schlicht überwältigend. Hier - und in den wunderbar ausmusizierten instrumentalen Chorälen - zeigte sich unverkennbar der geniale Bruckner-Dirigent Christian Thielemann, der unendliche Steigerungen famos gestalten kann.
Neben den wunderbaren Chören konnten vor allem die weiblichen Solisten betören: die Sopranistin Ricarda Merbeth sowie die Mezzos Lioba Braun und Birgit Remmert, dazu Manuela Uhl und Sibylla Rubens (Mater gloriosa). Leider musste man bei den Männern etwas Abstriche machen. Die Baritone Roman Trekel und Albert Dohmen waren ihren Aufgaben durchaus gewachsen, Burkhard Fritz freilich sang sich leider fest und brachte seinen Tenor-Part nur mit Mühe zu Ende. Der überzeugenden Wirkung des Ganzen tat das keinen Abbruch.
Nur schade, dass es aus Kostengründen nicht möglich war, den Ort der Uraufführung, wo heute Fahrzeuge des Deutschen Museums ausgestellt sind, für diese Jahrhundertaufführung auszuräumen. Aber wer weiß, vielleicht wäre das eine akustische Enttäuschung gewesen.
Klaus Kalchschmi

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.10.2010
Des Dinosauriers Zähmung
Christian Thielemann entdeckt Mahlers Achte für sich
Offiziell waren sie Freunde, künstlerisch aber unversöhnliche Antipoden: In ihrer Haltung gegenüber der Musik hätten Richard Strauss und Gustav Mahler nicht unterschiedlicher sein können. Dieser Gegensatz manifestierte sich besonders drastisch beim Dirigieren - ein unaufgeregter Könner der eine, der den ohnehin komplexen Notentext bevorzugt für sich sprechen ließ und die gestaltende linke Hand dabei schon mal in der Tasche behielt; eine eine sich selbst und alle Beteiligten verzehrende Kämpfernatur der andere, nervös, ausfahrend in seinen Bewegungen am Pult, mit heiligem Ernst um letzte Wahrheiten hinter Noten ringend, als gelte es, das Werk im Moment der Aufführung neu zu erschaffen. Diese Verschiedenheit war mehr als eine Sache des persönlichen Naturells: Sie berührte Grundfragen im Umgang mit der eigenen Kunst und setzt sich unter den großen Dirigenten in vielfältigen Abstufungen bis heute fort. man denke an die gegenläufigen Kometen Bernstein und Karajan, die Wesensunterscheide zwischen Mariss Jansons und Riccardo Muti.
Spannend wird die Sache, wenn die eine Fraktion im Gewässer der anderen zu fischen beginnt. Für manche war Karajans späte Bekehrung zu Mahler ein versuch, auf den Zug der maßgeblich von Bernstein vorangetriebenen Komponistenrenaissance seit 1960 aufzuspringen; für andere bedeutet namentlich Karajans Einspielung der Neunten Symphonie eine Offenbarung. Genau in diesem Spannungsfeld bewegte sich nun auch Christian Thielemanns erste Auseinandersetzung mit Mahlers Achter Symphonie in München.
Ort und Anlass der Aufführung waren stimmig gewählt: Vor hundert Jahren, am 12. September 1910, erlebte Mahlers erklärtes Hauptwerk seine Sensationspremiere in der hiesigen "Neuen Musik-Festhalle", heute eine Außenstelle des Deutschen Museums. Das Jubiläumskonzert musste daher im Gasteig stattfinden, aber immerhin saßen mit den Münchner Philharmonikern die Nachfahren des einstigen Uraufführungsorchesters an den Pulten. Nur der Dirigent war alles andere als eine Mahler-Koryphäe - die einschlägigen Erfahrungen des führenden Wagner- und Strauss-Interpreten unserer Zeit beschränkten sich bislang auf einige Lieder, die Zweite Symphonie und den Kopfsatz der Zehnten. Für ihn sei, so räumte Thielemann ein, die Begegnung mit dieser Musik wie eine "Entdeckungsreise" zu den wilden Tieren am Amazonas, und plötzlich biege da "ein Dinosaurier" in Gestalt der Achten um die nächste Urwald-Ecke.
Dieses sympathische Staunen angesichts einer fremden Wunderwelt hörte man seinem Werkdebüt an. Als erfahrener Operndirigent weiß Thielemann selbstverständlich, wie man die Stimmen- und Orchestermassen dieses Opus maximum bändigt und sogar ungewöhnlich subtil aufeinander abstimmt. Zudem ließ die sonst vielgescholtene Gasteig-Akustik die Raumpolyphonie der drei vorzüglichen Chöre - Wiener Singverein, Philharmonischer Chor München und Tölzer Knabenchor - plastisch und tonschön hervortreten. Von einer durchweg stimmigen Lesart, einer Interpretation gar, blieb Thielemann hingegen so weit entfernt wie die ersten Amazonasforscher von echten Dinos.
Vor allem im einstündigen zweiten Teil, der Vertonung des Schlusses von "Faust II", klang zu vieles noch brav buchstabiert. Schon die langsame Einleitung, Mahlers magische Imagination der Anachoretenwelt, zerfiel in einzelne, technisch obendrein nicht makellos bewältigte Instrumentalsoli. Auch die wechselnden Satzcharaktere von Adagio, Scherzo und Finale blieben zu unprofiliert. Einzelnes, wie das Terzett der Büßerinnen (Ricarda Merbeth, Lioba Braun, Birgit Remmert), die Erscheinung der Mater gloriosa (Sibylla Rubens) oder die Schlussapotheose, gelang bereits überzeugend; anderes, wie die wenig ekastatische Eloge des Doktor Marianus (Burkhard Fritz) oder die zu erdenschwere Jenseits-Vision der Una Poenitentium (Manuela Uhl), wirkte lediglich kapellmeisterlich koordiniert.
Wie sehr in Mahlers Musik eben stets die sie durchglühende Persönlichkeit des Interpreten mitkomponiert und späteren Dirigenten als entscheidende Herausforderung aufgegeben ist, zeigte der erste Teil - leider wiederum ex negativo. Laut Mahler soll dieser Hymnus an den Schöpfergeist "impetuoso", also ungestüm, über die Hörer hinein brechen - bei Thielemann tönte das eher nach gediegener Festwiese. Und bei dem für Mahlers gesamte Weltsicht zentralen Appell "Accende lumen sensibus" blieb die linke Hand des Dirigenten, zumindest gedanklich, schlichtweg zu tief in der Tasche
Christian Wildhagen

Münchner Merkur vom 18.10.2010
Den Koloss gebändigt
Christian Thielemann eröffnet mit Mahlers Achter Symphonie seine letzte Saison bei den Münchner Philharmonikern
Auch die größten Kathedralen wurden letztlich von Handwerkern errichtet. Es ist also nicht die schlechteste Voraussetzung für Mahlers 8. Sinfonie - diesen monumentalen Schlussstein bürgerlicher Kunstreligion - wenn jemnd sein Handwerk so beherrscht wie Christian Thielemann. In Interviews hat der Maestro sich vor der mit Spannung erwarteten Saisonpremiere dabei der Gefahr sehr bewusst gezeigt, Spiritus in ohnehin lodernde Flammen zu gießen. Und seine Aufgabe darin gesehen, den Koloss zu bändigen. Man konnte ja nicht ahnen, wie ernst es ihm damit war.
Thielemann ließ gar keine Weihestimmung aufkommen; kaum am Pult, setzte er trocken den ersten Schlag: Eine Geste von "Alle da? Gut, packen wir's". Und er, der sonst oft den hemmungslosen Einpeitscher gibt, zeigte sich gerade im ersten Teil als mäßigender Minimalist. Nicht mehr als Millimeter-Winke der Stabspitze befehligten bei der mächtigen Rückkehr des "Veni, creator" den gesamten Riesen-Apparat. Und zeigten dabei eine verblüffende Präzision der Chöre (Philharmonischer Chor, Wiener Singverein, Tölzer Knaben; Einstudierung Andreas Herrmann).
Man staunte den ganzen Abend lang, wie durchhörbar, tiefenklar die Tonmassen blieben - und das in der ungeliebten Philharmonie! Man durfte beeindruckte Distanz bewahren, statt von ohrenbetäubenden Klang-Tsunamis überrollt zu werden.
Die Münchner Philharmoniker sind offensichtlich gewillt, mit Thielemann im musikalisch Guten zu scheiden: Zu loben ist eine auf unzähligen Einzel-Glanztaten fußende Ensembleleistung, die trotz der Dimensionen feines Gespür bewahrte für die Mischung des Ganzen. Die Sängerriege war fast absurd prominent besetzt. Welche Sünderseele könnte sich bessere Fürsprecherinnen wünschen als Ricarda Merbeth, Lioba Braun, Birgit Remmert und auch die eingesprungene Manuela Uhl? Als es um irdische Liebe und Verzückung ging, ließ Thielemann dem deutschen Romantiker in sich etwas mehr Leine: Roman Trekel und Burkhard Fritz durften es sinnlicher wogen lassen. Und kurz vor Schluss wehte erstmals ein Hauch von Transzendenz, als die Stimme der Mater gloriosa (Luxus: Sibylla Rubens) von unter dem Saaldach herabschwebte.
Das Unzulängliche musste man mit der Lupe suchen: Mal da ein Kiekser, dort eine ungefähre Note Albert Dohmens. Aber nie ein Ringen um gefährdetes Gelingen.
Paradoxerweise war genau dies das Problem der Aufführung: Sie ließ die Achte so problemlos beherrschbar wirken. Dombaumeister Thielemann stellte das Gebäude termingerecht und schlüsselfertig hin; Weihrauchschwaden exklusive. So maßvoll, dass die bewusste Maßlosigkeit des Werkes abhanden kam: Als Mensch das All umfassen? Nur eine Frage des Handwerks! So gab's zehn Minuten verdienten Applaus, aber nicht die erwartbare, spontane Jubelorgie.
Thomas Willmann

Süddeutsche Zeitung (Feuilleton) vom 18.10.2010
Das Weiße im Auge des Dinosauriers
Als fahre ein Windstoß über die Noten: Christian Thielemann dirigiert Gustav Mahlers gewaltige achte Symphonie in München
Wer Gustav Mahlers "Achte" aufführen will, sieht sich auch mit dem Beinamen "Symphonie der Tausend" konfrontiert. Dieses werbetechnisch einprägsame Schlagwort geht auf den Veranstalter der Uraufführung vor hundert Jahren in der Münchner Neuen Musikfesthalle im Ausstellungspark auf der Schwanthaler Höhe zurück. Mahler selbst lehnte es ab.
Der enorme Aufwand an Musikern, Chören und Solisten - Orgel, Harmonium, Klavier, Celesta, Mandolinen nicht zu vergessen - hat natürlich nicht nur mit Mahlers Anspruch zu tun, allumfassende heilige Emphase zu entfachen mit allen musikalischen Mitteln; es hatte auch mit der riesigen Halle zu tun, die heute Teil des Verkehrsforums des Deutschen Museums ist.
Leider konnte Christian Thielemanns Plan, zum 100.Jubiläum die Symphonie da zu spielen, wo einst Mahler die Münchner Philharmoniker (damals noch "Orchester des Konzertvereins München") dirigierte und einen seiner größten triumphe feierte, nicht umgesetzt werden. Die Exponate der Abteilung "Stadtverkehr", also Trambahnen, Lastwagen, Ampelinstallationen und vieles mehr, hätten nicht oder nur mit extraordinären Kosten entfernt werden können.
Doch wäre es in jedem Fall lohnend, den Urort der Achten einmal zu reaktivieren. Selten genug kann man eine vom Komponisten selbst ausgelotete akustische Situation erleben, die in gewisser Weise in die Partitur eingegangen ist. Ein Foto im Programmheft zeigt beispielsweise, dass Mahler Akustikproben abhielt mit abkommandierten Soldaten als Publikum, um bei der gültigen Aufführung nicht von akustischen Unwägbarkeiten überrascht zu werden.
Das Mahler gewiefter Praktiker und Organisator bei der Verwirklichung seiner Klangvisionen war, hat Thielemann im SZ-Interview (vergangenen Freitag) bewundernd festgestellt. Dieser pragmatische Geist hat Thielemann wohl beseelt: Ihm gelang eine insgesamt eindringliche, den "Dinosaurier" (Thielemann) erforschende, trotz gewaltigen Aufgebots - die Philharmoniker in Riesenbesetzung, beispielsweise mit vier Harfen, der Philharmonische Chor, der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, der Tölzer Knabenchor - nie zu orgelnden, tobenden, hysterisch aufschreienden Materialschlacht ausartende Darstellung in der Münchner Gasteig-Philharmonie.
Endlich konnte dabei der vielgeschmähte Saal auch Qualitäten beweisen, nämlich für musikalische Rauminszenierungen dieses Ausmaßes. Die Chöre verteilten sich nicht nur hinter dem Orchester, sondern auch auf die seitlichen Publikumsbalkone. Außerdem standen, wie von Mahler verlangt, einige Blechbläser isoliert auf hoher Empore. Im zweiten Satz, dem die Schlusszenen aus Goethes "Faust II" zugrunde liegen, sang von dieser Stelle aus auch aufleuchtend die Mater Gloriosa der Sibylla Rubens. Zu den optischen Sensationen zählten die manchmal wogengleich sich erhebenden Chöre oder das gemeinsame Umblättern, als fahre ein Windstoß über die Noten.
Übrigens haftet der Achten mit ihren zwei teils oratorienhaften, teils dramatisch erzählenden Sätzen, in der gründerzeitliche Monumentalität ebenso mitspielt wie der das gesamte Leben durchgestaltende Wille des damals modernen Jugendstils, bei jeder Realisierung stets etwas Experimentelles, je Einmaliges, so nicht Wiederholbares an. Das gehört zu diesem heiligen Ungeheuer mit seinen Wundern und Problemen. Daher kann es in Aufnahmen nur ein Schemendasein führen und kaum einen hauch seiner elementaren Wirkung im Raum mitteilen.
Besonders der erste Satz, der Pfingsthymnus "Veni creator Spiritus", gilt als schwierig. Doch Thielemann begann nicht mit ohrenbetäubendem Dröhnen von Orgel und Chormassen, sondern hielt bei kraftvollem Volumen klug Distanz, achtete auf Form und Transparenz und zeigte so, dass dieser auch von Mahler-Exegeten wie Theodor W. Adorno hart bekrittelte Satz wesentlich mehr an ausdifferenzierender Kompositionskunst zu bieten hat als die vielen Forte-Fortissimo-Vorschriften glauben machen. So wurde die berüchtigte Doppelfuge, die bei manch anderen Darbietungen bloß als verstörend kompaktes, ermüdend unentwirrbares Stimmdickicht erscheint, aus dem einen nur die donnernde Wiederkehr des "Veni creator spiritus" kurz erlöst, endlich einmal aufgehellt zu einem komplexen, aber sinnlich erfahrbaren Klangprozess. Es fiiel auf, wie zurückhaltend, mit knapper Gestik Thielemann den Apparat leitete und so der Gefahr entging, in Selbstberauschung den Boden unter den Füßen zu verlieren und vom schallenden Es-Dur-Dauerjubel der Chöre verschlungen zu werden. So konnte man auch den Solisten folgen - Ricarda Merbeth, Manuela Uhl
für die erkrankte Adrianne Pieczonka, Sopran, Lioba Braun, Birgit Remmert, Alt, Burkhard Fritz, Tenor, Roman Trekel, Bariton, Albert Dohmen, Bass - , die bestimmte Hymnus Stellen überstrahlen und herausheben sollen.
Die folgenden Faustszenen beginnen mit einer filigran gewebten, weit ausholenden Orchesterpartie, deren Klangfarbenreichtum unergründlich zu sein scheint. Wie ins Dunkel der Bass-Schluchten Lichtstrahlen der Holzbläser hineinfallen, wie es allmählich heller wird, der erste Choreinsatz in fast flüsternder Deutlichkeit erscheint, bevor Pater Ecstaticus (Roman Trekel) mit Inbrunst Goethe / Mahlers Auffahrtshimmel erste Gestalt und begeisterte Stimme verleiht, wie Pater Profundus (Albert Dohmen) leidenschaftlich die Natur betrachtet - es geschah ein in sich stimmiger, spannender, sich intensivierender, aber schaumfreier Aufstieg.
Von solcher Übersicht und organisatorischer Ruhe geführt drangen die Chöre gleichsam Stufe um Stufe empor - vorbei am höchste Ekstase beschwörenden Doctor Marianus (Burkhard Fritz), vorbei an den bittenden Magna Peccatrix (Ricarda Merberth), Mulier Samaritana (Lioba Braun), Maria Aegyptiaca (Birgit Remmert) und dem Gretchen der Una poenitentium (Manuela Uhl) - bis zur Mater Gloriosa und dem alles vereinenden Chorus Mysticus. Erst hier gab sich auch Thielemann ganz hin und steigerte ihn zur überwältigenden Schluss-Korona. Langsam anwachsender Beifallsjubel.
Die Münchner Philharmoniker spielten auch die Uraufführung. Ob bewusst oder nicht wohnt im Ensemble auch in der jetzigen Formation der Stolz, unter des Komponisten Leitung diesen Koloss lebendig gemacht zu haben. Dementsprechend glanzvoll und wach klang es nun. Wer mit diesem Orchester die Achte aufführt, steht in direkter Traditionslinie zu Gustav Mahler. Das weiß Christian Thielemann.
Harald Eggebrecht

Die Presse, Wels, Österreich vom 20.10.2010
München feierte 100 Jahre „Symphonie der Tausend“
Christian Thielemann dirigierte Mahler eminent differenziert, trotz seiner Ohr-stöpsel angesichts der Musiker-Massen. Die Spannung wird durch fast unmerkliche Ritardandi vor Akkordauflösungen noch verstärkt.
Fast auf den Tag genau 100 Jahre nach der von Gustav Mahler selbst in München geleiteten Uraufführung präsentieren die Münchner Philharmoniker – schon damals unter dem Namen „Konzertverein München“ mit von der Partie – die Achte Symphonie. Die viel kritisierte Akustik der riesigen Philharmonie am Gasteig erscheint für die Dimension dieses Werks gerade richtig.
Zumal der scheidende Chefdirigent Christian Thielemann insbesondere den ersten Teil der Komposition nicht wie manch anderer Interpret als bloße Lärmorgie versteht, sondern bei aller Kraft und bei noch so gewaltigem Volumen einen stets durchhörbaren Gesamtklang zustande bringt. Bewundernswert, mit welcher Präzision Orchester, Chöre – neben dem philharmonischen Chor München kam wie bei der Uraufführung auch der Wiener Singverein zum Einsatz – jeden noch so schwierigen Einsatz punktgenau treffen, wie die einzelnen Stimmen der Doppelfuge im ersten Teil plastisch unterscheidbar werden, und wie auch in den Momenten größter Wucht alles transparent bleibt. Geringer Einwand des österreichischen Zaungastes: Die Holzbläsersoli lassen nicht ganz die Wiener philharmonische Qualität hören...
-- Unfassbar schöne Melodiebögen --
Thielemann, der zur Schonung des eigenen Gehörs mit Ohrstöpseln angetreten ist, dirigiert den ersten Teil mit knapper, prägnanter Gestik, entwickelt aber im zweiten Teil in gewohnt expressiver Weise unfassbar schöne Melodiebögen und entfacht wahre Stürme und Steigerungen. Die Spannung wird durch fast unmerkliche Ritardandi vor Akkordauflösungen noch verstärkt.
Unterstützt wird der Dirigent durch ein durchwegs gutes Sängerensemble, aus dem Sibylla Rubens als hoch über dem Orchester platzierte Mater gloriosa mit strahlendem, üppigen Sopran hervorragt. Ausgezeichnet auch Albert Dohmens souveräner Pater profundus und Burkhard Fritz' scharf akzentuierender Doctor Marianus. Die Damen vom Sopran, Ricarda Merbeth und Manuela Uhl (statt der erkrankten Adrianne Pieczonka), haben es naturgemäß leichter als die Altistinnen Lioba Braun und Birgit Remmert, die ein wenig in den Chor- und Orchesterwogen versinken. Zuletzt tosender Applaus für alle Beteiligten, der sich für Thielemann zur Ovation steigert. Das Publikum erkennt sichtlich, was ihm an dem scheidenden Chefdirigenten verloren geht.
Dieter Zöchling

klassik.com vom 20.10.2010
Kritik zu Mahler: Achte Sinfonie (Gasteig München)
Symbolische Riesenschwarte, nüchtern gelesen
"So etwas hat die Welt bis jetzt noch nicht erlebt, und diese Urzellen da vor Milliarden von Jahren sind ganz schön eingerichtet gewesen, daß sie so etwas in ihrem Zukunftsrepertoire parat gehabt haben." So schrieb Gustav Mahler im Juni 1910 aus München, wo eben Proben zur Uraufführung seiner Achten Sinfonie stattfanden. Er meinte es keineswegs scherzhaft, hielt er doch die Achte für das "Größte, was ich bis jetzt gemacht habe. Und so eigenartig in Inhalt und Form, daß sich darüber gar nicht schreiben läßt.- Denken Sie sich, daß das Universum zu tönen und zu klingen beginnt", so der Komponist im August 1906 kurz nach der Vollendung seines Werkes. Dessen Uraufführung geriet für den Komponisten, der selbst dirigierte, zu einem grandiosen Triumph. Mehr als 1000 Musiker waren beteiligt, woher auch der Beiname "Sinfonie der Tausend" rührt.
Mittlerweile tut man sich doch etwas schwer, Mahlers hochgestimmten Worten beizupflichten. Schon Adorno sprach abschätzig von einer "symbolischen Riesenschwarte", und immer wieder wird dem Werk gründerzeitlicher Pomp vorgeworfen. Ziemlich genau 100 Jahre nach der Uraufführung bot nun Christian Thielemann zum Auftakt seiner letzten Saison mit den Münchnern Philharmonikern, dem Nachfolgeorchester des Konzertvereins München, der 1910 die Uraufführung bestritt, eine eher nüchterne Lesart dieser "Riesenschwarte". Der ursprüngliche Plan, die Sinfonie am Ort ihrer Uraufführung in einer ehemaligen Messehalle auf der Münchner Theresienhöhe zu spielen, ließ sich leider nicht verwirklichen, da sich in dem 1908 eröffneten, heute denkmalgeschützten Gebäude mittlerweile das "Verkehrszentrum" des Deutschen Museums befindet und es zu teuer gewesen wäre, Ausstellungsstücke wie Trambahnen aus dem Weg zu räumen. So mussten sich die Musiker – zwar keine 1000, aber doch immerhin über 400 – auf der Bühne und den Emporen des Gasteigs drängeln. Thielemann gebot über diese Masse mit erstaunlich kleinen, manchmal nur winzigen, aber präzisen Gesten und vermied damit klug eine hemmungslos tobende Klangorgie. Ihm war an Transparenz und Plastizität gelegen, nicht an einer Überrumpelung des Hörers durch schiere Klangmasse.
Sensibel und tonschön folgten ihm dabei die drei vorzüglichen Chöre (Philharmonischer Chor München, Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und Tölzer Knabenchor), die zu schönster Homogenität gefunden haben und mit bemerkenswerter Geschmeidigkeit agierten. Ähnliches ließe sich über die groß besetzten Philharmoniker sagen. Thielemann legte auch hier, satten Mischklang eher vermeidend und Einzelstimmen deutlich akzentuierend, Wert auf Klarheit und Zurückhaltung. So bewundernswert es nun immer auch ist, wie Thielemann den Riesenapparat von Chor und Orchester bändigt und zur Dezenz anhält, so lässt sich vielleicht aber gerade darin auch ein Problem der Aufführung sehen. Klingt dieses exorbitante, zügellose Werk in Thielemanns Lesart nicht fast zu zahnlos und zu domestiziert? Könnte der brausende, wiederholte, dann von Trompeten und Posaunen bekräftigte Anruf 'Veni', der das Werk so fulminant eröffnet, nicht gewaltiger klingen? Sollte der aufflammende Charakter etwa der Zeile 'Accende lumen sensibus' nicht deutlicher herausgestellt werden? Besonders schön glückten hingegen die eher verhaltenen, stillen Momente der Sinfonie wie zum Beispiel die lange es-Moll-Einleitung zum zweiten Teil, in der Mahler Goethes Anachoretenwelt aus dem Faust II magisch heraufbeschwört. Über dem kaum mehr hörbaren zarten Wabern der sordinierten ersten Geigen eröffnete sich ein nuancenreicher Klangraum von gewaltiger Dimension.
Wundervoll zart glückte auch der Einsatz des Chores, der die in Goethes Text vorgesehenen Echo-Effekte ('Waldung, sie schwankt heran') suggestiv vermittelte. Weniger glücklich waren, wie auch schon im ersten Teil, die Passagen mit Beteiligung der achtbaren Solisten, die allesamt mit der dumpfen Akustik des Saales zu kämpfen hatten. Von Goethes Versen verstand man kein Wort. Sibylla Rubens unterschied sich als Mater gloriosa wohltuend von ihren zu vibratostarken Kolleginnen (Ricarda Merbeth, Michaela Uhl, Lioba Braun, Birgit Remmert) und konnte mit ihrem von der Empore gesungenen 'Komm! Komm!' einen starken Akzent setzen, wenn auch ihre Höhe nicht ganz makellos war. Bei den Herren ragte Roman Trekel als Pater ecstaticus hervor. Albert Dohmen klang gelegentlich etwas rau, Burkhard Fritzens eigentlich kraftvolle Tenorstimme brach und entglitt leider mehrfach unschön, vor allem bei 'Jungfrau, rein im schönsten Sinne'. Über alle Fragwürdigkeiten der Aufführung tröstete endlich der Chorus mysticus hinweg, der wirklich zart 'wie ein Hauch' (so Mahlers Anweisung) erklang. "Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis." Das "Unzulängliche", ein "Ereignis", das war es jedenfalls.
Christian Gohlke