Saison 2004/2005

08., 09., 10.10.2004 | Philharmonie im Gasteig
Leos Janácek | Glagolitische Messe
Dirigent: Christian Arming

Münchner Merkur vom 11. 10. 2004: Kultur – Bühnen
Zartbittere Harmonik
Münchner Philharmoniker und Janáček
Von Markus Thiel
Ein hohes Ziel hatte sich Leoš Janáček gesteckt: »Ich will den Leuten einfach zeigen, wie man mit dem Herrgott spricht.« Mit Fanfarengepränge? Mit martialischen Paukenrhythmen? Aber die »Glagolitische Messe«, ein Spätwerk des Meisters, ist weniger religiöses Bekenntnis, vielmehr national-tschechisches Manifest.
Und eine Ahnung davon vermittelte auch Christian Armings Dirigat bei den Münchner Philharmonikern im Gasteig, wurden doch Einleitung und Ausklang mit dem gebührenden Blechpanzer, auch manch Satzschluss effektvoll vorgeführt. Abgesehen davon schienen Arming, das Orchester sowie der für die heiklen Einwürfe gut präparierte Philharmonische Chor weniger an Äußerlichkeiten interessiert, dafür an einer gepflegten Klanglichkeit, an der zartbitteren Harmonik. (...)

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Kritik zum Konzert vom 10. 10. 2004
Größte Gegensätze
Musik von Alexander Zemlinsky und Leoš Janáček
Von Thomas Vitzthum
Ein größerer Unterschied ist kaum denkbar, als zwischen einem frühen Zemlinsky und einem späten Janáček. (...) zunächst brauchte es einige Minuten, bis Janáčeks Messe Gedanken, Armings jungenhafte, hoch gereckte Erscheinung finde sich allzu sehr in seiner Musik wieder, beseitigte. Arming zeigte keine Schwächen, hatte alle Musiker bestens unter Kontrolle und erzeugte in Gloria oder Credo Momente heftigster Erregtheit und elementarer Kraft. Dagegen konnte er das Agnus Dei in eine düstere Innenwelt wenden. Auch ohne den Text mitzulesen, konnte man mit ein wenig Phantasie der Messe wie einer hochdramatischen Oper folgen. Der Philharmonische Chor war mit seinem dunklen, erdig reifen Klang in Piano wie Forte ein idealer Interpret der urwüchsig leidenschaftlichen Musik. Gleichfalls fand sich im vibratoreichen, vollmundigen Sopran von Eva Drígová-Jirušová eine echte und im lyrischen Tenor Nikolai Schukoffs eine viel versprechende Janáčekstimme. Schukoff brillierte mit Höhen, die trotz ungünstiger Lagen fast nie abgemüht und immer durchschlagend klangen. Eine Überraschung erlebte man mit dem Orgelsolo gegen Ende der Messe. Friedemann Winklhofer spielte das Stück auf der neu intonierten Orgel der Philharmonie mit geradezu heidnischer Aufregung. Erfreulich, dass das Instrument hörbar an Präsenz und ,Bauch' gewonnen hat. Den Applaus, der für Winklhofer heftiger ausfiel als für die übrigen Protagonisten, darf man auch als Anerkennung der Leistung der Orgelbauer aus Bonn verstehen.

Süddeutsche Zeitung vom 12. 10. 2004: Münchner Kultur
Berauschendes Wechselspiel
Die Münchner Philharmoniker unter Christian Arming
Von Klaus Kalchschmid
(...) Was für eine farbige, immer wieder anders getönte, abwechslungsreiche Welt dagegen bei Leoš Janáček: Schon die Intrada des Beginns elektrisierte. Später faszinierte immer wieder das Wechselspiel der schroff gegeneinander gesetzten einzelnen Gruppen des Orchesters, zwischen Solisten und Chor, Sängern und Instrumentalisten: Der Philharmonische Chor (Einstudierung: Andreas Herrmann) leistete Phänomenales, ebenso die beiden intensiven Solisten, die Sopranistin Eva Drígová-Jirušová und der Tenor Nikolai Schukoff. Arming wagte teilweise sehr schnelle, gleichwohl flexible Tempi, denen vor allem die stark geforderten Bläser souverän gewachsen waren.
Am Ende gab es dann noch eine Premiere. Denn Friedemann Winklhofer präsentierte an diesem Abend mit dem großen, schier entfesselten Orgelsolo die umfassend restaurierte und neu intonierte Klais-Orgel erstmals dem Publikum.


25., 26., 28.11.2004 | Philharmonie im Gasteig
Olivier Messiaen | Trois petites liturgies de la présence divine
Dirigent: Marc Albrecht

Süddeutsche Zeitung vom 29. 11. 2004: Münchner Kultur
Münchner Philharmoniker
Detailarbeit
Von Sebastian Werr
(...) Überzeugen konnte Albrechts Liebe für Detailarbeit hingegen bei Olivier Messiaens »Trois petites liturgies de la presence divine« farbigen für Frauenchor, Streicher, Schlaginstrumente und (...) Onde Martenot. Den hingehauchten Pianissimi in der ersten Liturgie blieb der vorzügliche Frauenchor des Philharmonischen Chores (Einstudierung: Andreas Herrmann) ebenso wenig etwas schuldig wie der pointierten Deklamation in der dritten.

Münchner Merkur vom 27. 11. 2004: Kultur – Bühnen
Schrille Ekstatik
Messiaen und Schönberg im Gasteig
Von Gabriele Luster
Die Philharmonie im Gasteig war nicht eben überfüllt, als die Münchner Philharmoniker im Abonnementkonzert am Donnerstagabend erneut mit Messiaen aufwarteten. Diesmal waren es »Trois petites liturgies de la presence divine«, die das Publikum in die schillernde, fromme Welt Messiaens entführten.
Die drei Gesänge für Frauenchor, Klavier, Onde Martenot, Celesta, Vibraphon, Schlagzeug und Streicher sind keineswegs für die katholische Liturgie gedacht. Vielmehr hat Messiaen eigene, am Surrealismus Paul Eluards orientierte Texte über die Präsenz Gottes in uns, in sich selbst und in allen Dingen verfasst und als Antiphon, Sequenz und Psalmodie vertont.
Dabei bezaubern und verwirren die fromm-weltlichen Klänge, die vertraute (Stimmen, Streicher, Klavier) und ungewöhnliche Instrumente (Vibraphon und Onde Martenot, ein elektronisches Tasteninstrument) in eigenwilliger Kombination erzeugen. Marc Albrecht, ein ausgeprägter Rhythmiker mit Gespür für die aparten Farbmischungen, konnte sich auf seine Mitstreiter verlassen: Die 36 Damen des Philharmonischen Chors (einstudiert von Andreas Herrmann), die furios zupackende Pianistin, die übrigen Solisten und die Streicher steigerten sich in der zweiten, chinesisch tönenden Liturgie in eine schrille Ekstatik. In der dritten, rhythmisch effektvoll eröffneten, faszinierte der Engelsgesang des Mittelteils, zu dem sich die »wimmernde« Onde Martenot in Konkurrenz setzte, bevor sie mystisch entrückt ausklang. (...) Großer Beifall.

Abendzeitung München vom 27. 11. 2004: Kultur
Zwischen Sopran und Säge
Philharmonie: Marc Albrecht mit Messiaen und Brahms/Schönberg
Von Robert Braunmüller
(...) Vor der Pause sang der Philharmonische Frauenchor perfekt die »Trois petites liturgies« von Olivier Messiaen – schon das dritte Werk des katholischen Avantgardisten innerhalb von kurzer Zeit in der Philharmonie. Im Moment springt der vor zwölf Jahren Verstorbene Messiaen in München und anderswo von der musica viva ins Normalprogramm. (...)


06.03.2005 | St. Josef
13.03.2005 | St. Elisabeth (Planegg)
Thomas Tallis | Lamentationes Jeremiae Prophetae
Giuseppe Verdi | Ave Maria, Laudi alla Vergine Maria
Giuseppe Verdi | Pater noster
Anton Bruckner | Os justi
Rudolf Mauersberger | Wie liegt die Stadt so wüst
Samuel Barber | Agnus Dei
Dirigent: Andreas Herrmann

Süddeutsche Zeitung vom 15. 03. 2005: Ausgabe Starnberg / Würmtal
Mit Dynamik, Kraft und Klangbalance überzeugt
Philharmonischer Chor München führt seine Qualitäten in Planegg bei Werken von Verdi und Mauersberger vor
Von Adolf Karl Gottwald
(...) Jetzt hat Musica Sacra Planegg einen noch größeren und bedeutenderen Chor zu einem Passionskonzert eingeladen, den Philharmonischen Chor München, der auf eine 100-jährige Geschichte zurückblicken kann. Die Hauptaufgabe dieses Chors ist die Mitwirkung bei den großen Oratorien-Aufführungen der Münchner Philharmoniker, doch die wahre Qualität eines Chors zeigt sich beim Singen a cappella. Der Philharmonische Chor München hat enorme Qualitäten.
Er begann sein Passionskonzert mit einer »Lamentatio Jeremiae Prophetae« von Thomas Tallis. Und zeigte bereits bei diesem bedeutenden, hierzulande lange vernachlässigten Chorwerk, was er zu bieten hat – nämlich Schönheit und Kraft in jeder Stimme, eine enorme Bandbreite der Dynamik bis hin zu mächtiger Klangfülle und eine Ausgeglichenheit des Klangs, wie sie nur Chöre erzielen können, in denen Frauen- und Männerstimmen im idealen Verhältnis stehen.
Die reiche Erfahrung des Chors und die Musikalität seines Dirigenten Andreas Herrmann bringt unerhörte Stilsicherheit mit sich.
Auch ein Sprung von der Musik des 16. Jahrhunderts (Thomas Tallis) zu Verdi ist für diesen Chor kein Problem.
Bei Verdis »Laudi alla Vergine Maria« zeigte der Philharmonische Chor München, dass in ihm ein wunderbarer Frauenchor mit leuchtenden Sopranen ohne eine einzige schrille Stimme und schönen Mittelstimmen steckt.
Eine überaus beeindruckende Begegnung war die mit dem Chorwerk »Wie liegt die Stadt so wüst, die einst voll Volks war« von Rudolf Mauersberger. Bei diesem Jeremias-Text denkt man gerade in diesen Tagen an die Zerstörung der mit Flüchtlingen überfüllten Stadt Dresden mit mehr als 35000 Toten. Tatsächlich hat Mauersberger diesen Chor 1945 als Kantor des Dresdener Kreuzchors geschrieben. »Ist das die Stadt, von der man sagt, sie sei die allerschönste, der sich das ganze Land freuet? Sie hätte nicht gedacht, dass es ihr zuletzt so gehen würde...«
Eine große Entdeckung war auch das »Agnus Dei« von Samuel Barber. Ludwig Götz spielte zwischen den bedeutenden Chorwerken passende Stücke für Orgel, darunter als größtes die »Pavana lacrimae« von Sweelinck, und leitete mit Choralvorspielen von Brahms zu Anton Bruckners Motette »Os justi« (Der Mund des Gerechten), mit der sich der Philharmonische Chor München klangschön und klangmächtig verabschiedete.
Planegg, wo man hohes Niveau gewöhnt ist, wo aber auch ein zahlreiches Publikum für Musik dieser Art empfänglich ist, hatte damit eines seiner eindrucksvollsten Chorkonzerte erlebt.

Münchner Merkur vom 16. 03. 2005: Ausgabe Würmtal
Vollendet runder Klangteppich
Passionskonzert der Musica Sacra bietet Höhepunkte aus Instrumental- und Vokalwerken
Von Elisabeth Brandl
Planegg – Die Stärke des Konzepts für das Passionskonzert zeigte sich in seinem hervorstechendsten Merkmal: vollkommener Ausgewogenheit. Ludwig Götz an der Orgel und der Philharmonische Chor München setzten am Sonntag in der Planegger Kirche St. Elisabeth Highlights aus Instrumental- wie Vokalwerken. Dabei spannten sie einen Bogen über fünf Jahrhunderte und wogen bei Kompositionen von Thomas Tallis, Jan P. Sweelinck, aber auch Giuseppe Verdi und Lèon Boellmann dramatische Ausbrüche wie Phasen meditativer Ruhe überlegt gegeneinander ab.
Auch die inhaltlichen Botschaften der geistlichen Werke ergänzten sich stimmig. Mit der Lamentatio des Propheten Jeremias begann die Aufführung, mit Anton Bruckners Os Justi, einer Hymne auf Weisheit und Gerechtigkeit, endete sie. Jammer und Klage in der Motette von Rudolf Mauersberger und in Samuel Barbers »Agnus Dei«, beide 20. Jahrhundert, mündeten in die getragenen Choralvorspiele von Johannes Brahms.
Am meisten zu Herzen ging Mauersbergers Komposition »Wie liegt die Stadt so wüst«. Nach dem Bombenangriff auf Dresden, die Stadt seines Wirkens, schuf der Kantor des Dresdner Kreuzchors seine eindringliche Wehklage, endend in einem ergreifenden Aufschrei. Stellenweise schienen die Schrecklicher Schrei des Elends schwingenden, singenden Glocken des zerbombten Gotteshauses dem Chorgesang unterlegt hörbar zu werden. Bei der Phrase »Warum willst du unser so gar vergessen«, spürte man unwillkürlich fröstelnde Schauer den Rücken hinunterlaufen. Doch meisterhaft verstand es der Künstler, den schrecklichen Schrei des Elends in vollendete Form zu fassen.
Stimmliche wie interpretatorische Hochform brachte auch der Chor mit, technisch brillant fügte sich, wie zu erwarten war, die Orgel ein. Klangen bei Verdis »Laudi alla Vergine Maria« die Soprane möglicherweise etwas zu madrigalartig, formte sich bei Barber hingegen ein vollendet runder Klangteppich aller Chorstimmen: Bruchlos reichten sie hier Melismen einander weiter, unendliche Wellenbewegungen gipfelten in technisch bravourös bewältigter Ekstase. Durch die bis auf den letzten Platz besetzte Kirche hallte anhaltender, begeisterter Applaus.

Süddeutsche Zeitung vom 09. 03. 2005: Münchner Kultur
Tiefschwarze Klage
Der Philharmonische Chor glänzt mit seinem Passionskonzert
Von Klaus Kalchschmid
Zunächst wollte Giuseppe Verdi 210 Stimmen für die Uraufführung seines schillernden Werkes »Pater noster« aus dem Jahr 1880. 340 Stimmen waren es am Ende tatsächlich. Dagegen stand der Philharmonische Chor trotz seiner beachtlichen Stärke beim Passionskonzert in St. Joseph auf verlorenem Posten. Aber nur scheinbar. Denn gerade in diesem »Vater unser« und in den A-Capella-Sätzen aus den »Quattro pezzi sacri« war er in absoluter Bestform.
Die Mischung aus strengem Satz, harmonischen Kühnheiten sowie typischen Melodiefloskeln und Schlusswendungen Verdischer Prägung gelang auf äußerst hohem Niveau, klanglich subtil durchgeformt, aber dabei durchaus wirkungssicher präsentiert. Frappierend, wie sich die Stimmgruppen mischten und dennoch auch für sich stets prägnant und kompakt blieben.
Das gilt in Abwandlung auch für das großartige »Incipit lamentatio Ieremiae prophetae« von Thomas Tallis (1505 bis 1585), mit dem das Konzert begann. Andreas Herrmann hatte mit seinem Chor, den hier die Männerstimmen dominierten, an der polyphonen Struktur gleichermaßen intensiv gearbeitet wie am Ausdruck der tiefschwarzen Klage und ihrer dynamischen Ausformung vom leisesten Piano zur großen Forte-Entfaltung. Tief beeindruckend, wie etwa ein einziges Wort – der Name »Beth« – zu einem differenzierten Stück im Stück geriet, oder der Schluss ganz verhalten und unspektakulär gelang.
Von dieser Musik hätte man sich mehr gewünscht, denn gegen sie verblasste die etwas konventionelle Vertonung des »Wie liegt die Stadt so wüst« von Rudolf Mauersberger und sogar Samuel Barbers ebenso berühmtes wie eingängiges »Agnus Dei«, so schön beides auch durchaus gesungen war.
Friedemann Winklhofer steuerte zwischen den Chorsätzen Orgelmusik von Orlando Gibbons, Bach, Vierne und das »Perger«-Präludium C-Dur von Anton Bruckner bei. Dessen »Os justi« erzeugte mit seinem ergreifend innigen Schluss dann auch am Ende große, beklommene Stille.


18., 19., 20.03.2005 | Philharmonie im Gasteig
Johann S. Bach | Johannespassion
Dirigent: Frans Brüggen

Münchner Kulturmagazin »Applaus« 3 / 2005
Bach
Herkulessaal / Philharmonie im Gasteig:
Die Zeit der Einschüchterung scheint vorbei zu sein: Die Symphonieorchester spielen wieder die Musik von Johann Sebastian Bach.
Von Michael Bastian Weiss
Allzu bereitwillig hatten sie auf die Deutungshoheit über seine Musik verzichtet, als die Originalklängler Authentizität zu garantieren schienen; mittlerweile hat sich offensichtlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass man auch mit modernen Instrumenten aufgeklärt und klug barocke Werke musizieren kann. Das BR-Symphonieorchester hatte mit Thomas Hengelbrock gute Erfahrungen gemacht, und die diesjährigen Münchner Passionen in der Zeit vor Ostern werden nun auch von den Philharmonikern bereichert. Frans Brüggen, der, von der Blockflöte kommend, zu den Gründungsvätern der Alte-Musik-Bewegung zählt, wird die Philharmoniker und ihren fabelhaften Chor leiten (Einstudierung: Andreas Herrmann). Als Hengelbrock kürzlich vollkommen undogmatisch ein modernes Orchester dirigierte, war ein letzter modischer Rest die ausgedünnte Besetzung. Spannung verspricht nun die Frage, ob sich Brüggen traut, seine eignen Einsichten in die Matthäus-Passion (eigentlich: Johannespassion, die Red.) auch mit einem modern üppig ausgestatteten Streichkörper zu realisieren. Die Solisten sind vielversprechnd, hat sich doch Markus Schäfer schon einige Meriten als Evangelist erworben. Auch Hengelbrock übrigens wird im Vergleich zu hören sein, allerdings mit der Johannespassion, und diesmal mit seinem eigenen Balthasar Neumann-Ensemble – das auf historischen Instrumenten spielt (Evangelist: James Taylor). Die entsprechend historisierende Version der Matthäus-Passion liefert dann Ton Koopman mit seinem Amsterdam Baroque Choir & Orchestra (Paul Agnew). Doch es gibt auch noch eine Lesart der Matthäus-Passion aus der Sicht der reichen Tradition: Peter Schreier, lange Zeit der Lieblings-Evangelist Karl Richters, wird Münchner Bach-Chor und Orchester leiten und damit seine jahrzehntelange Verbundenheit mit der großartigen hiesigen Bach-Pflege fortsetzen.

Süddeutsche Zeitung vom 21. 03. 2005: Münchner Kultur
Solistenfiasko
Philharmoniker / Frans Brüggen
Von Reinhard Schulz
»Für den erkrankten Alfred Reiter übernimmt der Bassist Reinhard Mayr die Partie des Christus«, war auf einem Beiblatt zur Johannes-Passion in der Philharmonie zu lesen. Nun, so schlimm wird es schon nicht werden, dachte man sich und behielt damit auf ungeahnte Art Recht. Denn die Solisten, die sich der Dirigent Frans Brüggen und die Münchner Philharmoniker zusammengesucht hatten, zeigten sich (Markus Schäfer als Evangelist ausgenommen) auf einem derart kläglichen Niveau, dass ein jeder Jesus aus dem Stand heraus den Aufsprung geschafft hätte. (...)
Das war schade, denn die durch Gambe und Theorbe etwas auf alt getrimmten Philharmoniker bewältigten ihren Part mit Anstand (Spielen ohne Vibrato, das fiel in den Stücken 19 und 20 für zwei Soloviolinen besonders auf, ist immer eine etwas heikle Sache). Und der Philharmonische Chor München, ein Lob auf den Leiter Andreas Herrmann, leistete ganz Erstaunliches. Nun ist Gott sei Dank die Bach'sche Johannespassion ein Werk, das seine großartigen Konturen, seine schroffen Wendungen nachhaltig aus dem differenzierten Einsatz (bis hin zur enigmatischen Choral-Arien-Verschränkung in »Mein teurer Heiland«) der chorischen Partien zieht. Hier ist Sprache, etwa in kurzen Ausrufen, so dicht polyphon ineinander geschoben, dass der musikalische Satz wie ein komplexes System von Satzfragmenten wirkt, in dem eine Hauptaussage wie »Weg mit ihm« immer wieder an die Oberfläche gespült wird. Die recht straffen Tempi, vor allem aber die Klarheit und Präzision des Chores sorgten für große, nervige Innenspannung. (...)


07., 08.,09.05.2005 | Philharmonie im Gasteig
Giuseppe Verdi | Quattro Pezzi Sacri
Anton Bruckner | Te Deum
Dirigent: Christian Thielemann

Süddeutsche Zeitung vom 09. 05. 2005: Münchner Kultur
Heiß und kalt
Philharmoniker / Thielemann
Von Klaus Kalchschmid
(...) die vier großartigen Sätze des alten, weisen Verdi sind ein ergreifender Kosmos, der im Zusammenwirken von Philharmonischem Chor und Philharmonikern unter die Haut ging.
Schon die komplexe Harmonisierung der »Scala enigmata« (einer schwebenden Ganztonleiter, die mit einem Halbton beginnt und endet) erzeugte im ersten Chorsatz eine Aura des geheimnisvoll Mystischen, auch wenn Intonation und Phrasierung aus dem Stand noch nicht höchste Präzision erreichten. Nicht minder beeindruckend der schwer lastende Beginn des »Stabat Mater« mit seinen an- und abschwellenden leeren Quinten, die Thielemann dynamisch weit ausschwingen ließ, und das spätere Ineinandergreifen von fein ausgesponnenen Orchester- und betörend schön gesungenen Chorstimmen. Nie blieben die Philharmoniker nur Begleitung, sondern wurden zum gleichberechtigten Hauptakteur – wie in Verdis späten Opern. Kein Wunder, dass Thielemann am Ende um den Verzicht auf Applaus bat. (...)

Bayerische Staatszeitung vom 13. 05. 2005
Philharmoniker auf dem sakralen Terrain
Von Klaus Adam
Bruckners inbrünstiger unangefochtener Glaube stimmt sein »Te Deum« in prunkvollem Fortissimo an, eine MomunentaI-Lobpreisung; Verdi wählt ein gehauchtes Pianissimo. »Non confundar in aeternum« jubelt der Meister von St. Florian in schattenlosem C-Dur, in der seligen Gewissheit der Ecclesia triumphans. Der Skeptiker von St. Agata wagt nur leise verlöschende Hoffnung. Seine »Quattro pezzi sacri« sind eher verhalten; im Tonfall seiner Heimat greift er in der Begnadung seines hohen Alters in zeitliche Ferne zurück, zu Palestrina, zu Gabrieli – und bleibt sich trotzdem treu. Christian Thielemann, seine Philharmoniker, der exzellente Chor, die Solisten (alle überstrahlend Ricarda Merbeth) begaben sich im Münchner Gasteig mit geistiger Leidenschaft und Einfühlungsvermögen für so extrem schwierige Partituren aufs schwankende sakrale Terrain dieser diametralen Kompositionen. Subtil gestaltete Thielemann die Musiken der bald zerknirschten, bald stolzen Erdensöhne.


26.06.2005 (32 SATB) | Internationale Wolfegger Sommerkonzerte
Josef Haydn | Paukenmesse
Josef Haydn | Te Deum
Francis Poulenc | Litanies à la Vierge Noire
Gabriel Fauré | Cantique de Jean Racine
Dirigent: Manfred Honeck

Schwäbische Zeitung vom 28.6.2005
Honeck sorgt wieder für höchste Klangkultur
Wolfegg – Ganz im Zeichen von hochkarätiger Kammermusik, präsent musizierter Orchestermusik und ebenso lebendig wie eindringlich dargebotener Kirchenmusik standen die 16. Internationalen Wolfegger Konzerte. Manfred Honeck hatte wieder für einen optimalen künstlerischen Gesamteindruck gesorgt.
Von unserer Mitarbeiterin Katharina v. Glasenapp
(...) Im Philharmonischen Kammerchor München hatte er einen flexiblen, von Andreas Herrmann wohlvorbereiteten Chor zur Seite, der in Poulencs »Litanies à la vierge noire« in den Frauenstimmen warm erstrahlte. Ein mit Simona Houda-Saturová, Roxana Constantinescu, James Taylor und Sebastian Noack luxoriös besetztes homogenes Soloquartett rückte das Crucifixus und das Benedictus der Messe in den Mittelpunkt, das Agnus Dei war mit Pauken und Trompeten und dem flehenden »Dona nobis pacem« der würdige Abschluss dieses Konzertwochenendes.