Saison 2007/2008

16./17./18.07.2008 | Philharmonie im Gasteig
Leos Janacek: Glagolitische Messe
Dirigent: Lothar Zagrosek

SZ - Münchner Kultur vom 18.07.2008
Glühend musiziert
Live ist Leos Janaceks wilde, kantige, emphatische "Glagolitische Messe" nach Texten aus dem altslawischen Ritus immer wieder ein aufwühlendes Ereignis, zumal wenn so glühend musiziert wird, wie erneut von den Münchner Philharmonikern und ihrem Chor. Denn beide Ensembles konnten ihre exzellente Aufführung im Gasteig vor vier Jahren noch übertreffen. Lothar Zagrosek nahm teilweise langsamere Tempi als seinerzeit Christan Arming, forderte aber dennoch ein Höchstmaß an Intensität und lebendiger Artikulation.
Das begann mit dem großartig geheimnisvoll gesungenen, flehentlichen "Gospodi pomiluj" (Herr, erbarme dich), setzte sich fort im denkbar vielfältig gestalteten Credo, dessen "Veruju" (ich glaube) als magische Formel immer wieder beinahe geflüstert wurde und das in Ostinato-Rhythmen teilweise heftig vorangetrieben war, bis hin zum Höhepunkt des sich langsam immer mehr steigernden Bekenntnisses des Glaubens an die Auferstehung. Auch der schwebende Beginn des Sanctus - mit Celesta und Harfe - kontrastierte wunderbar zu den späteren intensiven Soli von Melanie Diener, Michal Lehotsky, Petr Mikulas und Katharina Kammerloher, deren exponierte Parts wie selbstverständlich, aber mit großer Dringlichkeit gesungen waren. Derart expressiv, gepaart mit faszinierend sicherer Intonation sang auch der Philharmonische Chor; von den Instrumentalisten sind die Blechbläser hervorzuheben, die noch einmal in der abschließenden Intrada glänzten.
(...)
Klaus Kalchschmid

MM Kultur vom 18.07.2008:
KONZERT
Triumphaler Erfolg mit Janáceks Messe
Was der ungewöhnliche Name verspricht, das hält die "Glagolitische Messe" auch. Sie ist ein außergewöhnliches Werk. Zumal dann, wenn sie mit so viel Leuchtkraft umgesetzt wird wie jetzt im Gasteig, wo die Münchner Philharmoniker, der Philharmonische Chor und Solisten unter Lothar Zagroseks Leitung einen triumphalen Erfolg einfuhren. Auch für Leos Janácek, den Pantheisten, der 1926, zwei Jahre vor seinem Tod, den glagolitischen, also altslawischen Mess-Text vertonte. Ebenso massiv wie das Orchester, das die Messe mit einer Bläser-gesättigten Intrada eröffnete und beschloss, trumpfte der Chor auf, der mit starker Präsenz der Männerstimmen punktete. Im "Amin" des Credo vereinigten sich Chor und Orchesterklang zu einem mächtigen Geläut. Gleichwohl beeindruckten auch die mystischen Anklänge im Piano-Bekenntnis "Ich glaube, ich glaube!" oder im Sanctus.
Zagrosek hielt souverän alle Fäden in der Hand, sodass die herben Klänge (sogar der Streicher), die motivische Kleinteiligkeit und die rhythmischen Herausforderungen imponierend gemeistert wurden. Während Katharina Kammerloher (Alt) und Petr Mikulás (Bass) wenig zu Wort kamen, setzten sich Melanie Diener mit warmem, ausgreifendem Sopran und Michal Lehotsk mit tenoralem Fanfarenton durch.
Zuvor Mozarts Klavierkonzert KV 456: Mit schönem Bläser-"Septett" und in bestem Einvernehmen mit dem jungen Pianisten Till Fellner, der mit leicht perlendem Spiel (Kopfsatz), mit lyrischer Kantabilität (Andante) und blitzenden Kadenz-Kaskaden aufwartete.
GABRIELE LUSTER


12.07.2008 | Philharmonie im Gasteig
Ludwig van Beethoven : IX. Sinfonie "Ode an die Freude"
Dirigent: Christian Thielemann

AZ (Kultur) vom 14.07.2008
Aus Liebe zu den Münchnern
Philharmonie: Dirigent Christian Thielemann mit Beethovens wunderbarer Neunter

Die zum Stadtgeburtstag von Beethovens Neunter zu umarmende Menschheit sollte aus Stadträten, Förderern, Ehrenamtlichen und Los-Gewinnern formiert werden. Über dem Verfahren der Kartenvergabe liegt Dunkel. Aber im Licht der Philharmonie bestätigte sich, dass wenig geschätzt wird, was nichts kostet: Rund ein Viertel der verschenkten Pätze blieben unbesetzt, während draußen Interessierte vergeblich "Karte gesucht"-Schilder hochhielten.
Ein kundiges Publikum kam dennoch zusammen: Unruhe entstand, als Christian Ude in seiner Begrüßung Beethovens Symphonie mit der "Ode an die Freude" und dessen Eroica durcheinander brachte. Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herrschovici wies den OB auf seinen Irrtum hin, ehe dieser mit korrekten Bemerkungen über den historischen Missbrauch der Festmusik fortfuhr.
--- Beethoven als Geschenk: Christian Thielemann --
Christian Thielemann gelang danach das Wunder, dieses vielfältig abgespielte Werk wie neu entstehen zu lassen.
Mit leicht veränderlichem Tempo inszenierte er dramatische Kämpfe im Kopfsatz. Nach einem Ruhepunkt der Holzbläser betonte er den Trauermarsch-Charakter beim letzten Aufbäumen des kantigen Themas und verwandelte den Schlussakkord in ein Fragezeichen für das Kommende.
Beethoven-Neulinge überwältigte die dramatisch-spontane Wucht der Steigerungen, Fortgeschrittene durften, obwohl die Aufführung nicht überprobiert wirkte, ausgefeilte Details bewundern: Das Trio des unwirschen Scherzo verstand Thielemann als Ahnung des langsamen Satzes, den er mit Ruhe zelebrierte. Im Finale zwang er das erste Erscheinen der Freudenmelodie mit dem hartnäckig widersprechenden Fagott-Solo zur höheren Einheit zusammen.
Unter den Solisten wurde wie üblich der Tenor (Steve Davislim) ein Opfer der Massen, während sich Krassimira Stoyanova, Lioba Braun und Guido Jentjens wacker gegen den von Andreas Herrmann trefflich studierten Philharmonischen Chor durchschlugen. Schade, dass die am Ende auf dem Podium orgiastisch überschäumende Freude nicht geteilt werden kann, weil Thielmanns Bayreither "Ring"-Pflichten öffentliche Wiederholungen ausschließen.
Selbst ärgert sich der Dirigent darüber womöglich am meisten. Wegen des kurzfristig umgeworfenen Programms bei "Klassik am Odeonsplatz" erhielten die Philharmoniker viele Protestbriefe. Thielemanns Umfeld versicherte glaubhaft, dass er die abgesetzten Tschaikowsky-Stücke gerne dirigiert hätte. Sein Agent habe ihn aber für Ring-Proben disponiert, ohne die Dopplung zu bemerken. Von der Berliner Agentur Cami, die das Schlamassel herbeiführte, will sich Thielemann nun trennen. Das ist ihm die Liebe der Münchner wert.
Robert Braunmüller


15.06.2008 | Prinzregententheater
Franz Schubert: Gott in der Natur (bearbeitet von Hans von Bülow und Franz Wüllner)
Franz Schubert: Messe Nr. 5 As-Dur

Dirigent: Heinrich Klug

Ankündigung in "Applaus" - Ausgabe Juni 2008
Schubert
Zwar wird man nie objektiv ermitteln können, wer der beste Dirigent eines bestimmten Werke ist, aber wenn man dem Urteil des Komponisten selbst trauen darf, dürfte Felix Mottl der beste Dirigent von "Tristan und Isolde" überhaupt gewesen sein. der österreichishe Orchesterleiter, der 1911 in München starb, geriet jung in Richard Wagners Dunstkreis; abgesehen von seiner internationalen Dirigentenkarriere komponierte er auch ein wenig, aber es sind mehr Bearbeitungen fremder Werke aus seiner Feder erhalten als eigene Kompositionen. So gibt es etwa so spektakulär klingende wie exotisch anmutende Instrumentierungen von Bach Kantaten (mit Wagner-Tuben!), und auch die Schubert-Instrumentationen, die Heinrich Klug am Pult des Abonnentenkonzerts der Münchner Philharmoniker vorstellen wird, dürften den originalen Orchesterklang der Schubert-Zeit in die spätere Wagner-Epoche hinübertransportieren. Klug, der fast vier Jahrzehnte lang Solocellist der Philharmoniker war, wird sowohl die Orchesterfassung zu Schuberts monumentaler "Fantasie für Klavier zu vier Händen f-moll" als auch zweier kleinerer Vokalwerke vorstellen. Der zweite Teil ist der späten Messe As-Dur Schuberts gewidmet. Abgesehen von den jungen und vielversprechenden Solisten wird der fantastische Münchner Philharmonische Chor in der Einstudierung Andreas Herrmanns zu hören sein. Allein deswegen und wegen der Seltenheit des Programms sollte man sich das anhören.


17.05.2008 | Frauenkirche Dresden
Johann Sebastian Bach: Messe h-moll
Dirigent: Hartmut Haenchen

Sächsische Zeitung vom 19.05.2008
Bach tief empfunden
Intendant Haenchen bot in der Frauenkirche eine bedeutsame h-moll-Messe
Bachs Hohe Messe h-moll ist ein musikalischer Kosmos. Hier tritt das gesamte Bach'sche Werk mit seinen Facetten und Wendungen, mit seiner Klangfülle, Intensität und durchdachter Spiritualität dem Hörer entgegen. Hartmut Haenchen spielte diesen Bach am Sonnabend in der Frauenkirche mit seinem Kammerorchester, auf modernen Instrumenten, in moderner Stimmung, hielt sich nicht an die in der Alten Musik übliche Lateinaussprache. Im Programmheft weiß er das ausführlich zu erläutern.
Noch wichtiger war, dass er mit der Art, wie er das große Werk musiziert, seine Hörer erreichte. Auch wenn am Anfang die Soli und obligaten Soloinstrumente akustisch mit dem Raum zu kämpfen hatten, auch metrisch auseinanderfielen, formte Haenchen doch das Werk zu einem geschlossenen, stilistisch konsequenten und ergereifenden Erlebnis. Insbesondere der Philharmonische Chor München und das Kammerorchester "Carl Philipp Emanuel Bach" wurden zum träger einer dynamisch differenzierten, emotionsreichen Darbietung. Gerade, wie die ersten entscheidenden Worte des "Credo" immer wieder neu behauptet und gleich wieder hinterfragt wurden, wie das weihnachtliche Geheimnis im "Et incarnatus est" illustriert oder mit welcher geradezu romantischer Klangmalerei die Erwartung der Auferstehung (Et expecto) dargestellt wurden, das waren sinnliche Erfahrungen von bedeutsamer Tiefe.
-- Friedensbitte als Utopie --
Chor und Orchester folgten der in Ausdruck, Lautstärke und Tempo genau überlegten Gestaltung ihres Dirigenten, und das Solistenensemble mit Christiane Oelze, James Taylor und Jan-Hendrik Rootering fand sich schnell auch in den akustischen Besonderheiten der Kirche . Besonders anrührend wirkte Annette Markert, die den Mezzo-Part für die erkrankte Katarina Karneus übernahm, etwa im inbrünstigen "Agnus Dei". Mit einem hoffnungsfrohen "Dona nobis pacem", einer Friedensbitte, die schon wie eingelöst klingt, schließt Bachs großes Werk erscheint wie abgerundet. Und passt damit und passt damit sehr gut zum diesjährigen Festival-Thema "Utopia".
Jens Daniel Schubert

Dresdner Neueste Nachrichten vom 19.05.2008
Mit anderen Ohren zu hören
Bachs h-moll-Messe in der Frauenkirche
Hartmut Haenchen hatte sich für die von ihm geleitete Aufführung eines hervorragenden Ensembles versichert. Christiane Oelze, Annette Markert, James Taylor und Jan-Hendrik Rootering, den Philharmonischen Chor München und sein Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach. Es war eine in weiten Zügen von seinen Erkenntnissen geprägte Wiedergabe, in manchen Passagen ungewohnt. Haenchen geht in seienr gründlichen Einführung im Programmheft ins Detail und legt dar, woher er die Impulse für seine Denkweise genommen hat - sehr überzeugend. Jedoch sagt Hans-Peter Graf an gleicher Stelle über die Begrenztheit solcher Auffassungen, es würden nicht die letzten dieser Art sein.
Das deckt sich mit Rillings Meinung, er habe aals Musiker unserer Zeit das Recht, Interpretations-Kategorien einzubeziehen, die es zu Bachs Zeiten nicht gab. So betrachtet wir es ein ständiger Prozess sein, der niemals eine "gültige", gar eine "allgemeingültige" Version erreichen kann. Welche Teile stammen von Johann Sebastian, welche Teile gehen auf nachträgliche Eingriffe Carl Philipp Emanuels zurück? Haenchens Auffassung schien sich mir, namentlich im Orchester, von hoher Askese zu entfernen und mit emotionalem Gewicht auf den Sohn zu orientieren. Dies geschah konsequent, daher durchweg sehr einprägsam. Hier war der sehr überzeugend agierende Münchener Chor der richtige Partner. In großartiger Ausgewogenheit verlieh er den von Haenchen geforderten Akzenten Leben, wie er auch mit tragender legato-Kultur aufwartete. Eine feinsinnige Synchronisation war zwischen Chor und dem Orchester erreicht, wobei die langjährige Zusammenarbeit des Dirigenten mit seinen Musikern (über 25 Jahre) sich in "blindem Verstehen" darstellt. Haenchen kann den Bewegungsaufwand auf ein mindestmaß reduzieren, ohne auch nur eine Spur an Spannung zu verlieren.
Auch dem Chor gegenüber ist es mehr Ausformen des Geschehens im Prozess des musikalischen Verlaufes. Da entstanden Klangbilder von berührender Schönheit. Aus dem Orchester traten Soli beeindruckend heraus. V, Vc, Fl, Fg, Ob, Tr, Corno da caccia. Die Orgel war so einbezogen, dass sie nie dominierte, aber doch präsent war. Das Vokalquartett brachte imponierende Biographien mit, die sich in dieser Aufführung bestätigten. Geschah dies bei den beiden Damen sogleich (Übereinstimmung im Duett "Christe eleison"), so schienen nur bei den Herren jeweils ihre ersten Arien leichte Einstiegsprobleme zu enthalten, die dann restlos beseitigt waren. Das andächtige Schweigen vor dem Beifall bestätigte den Rang der Aufführung.
Hans Peter Altmann


29.04.2008 | Philharmonie im Gasteig
Peter Michael Hamel: II. Sinfonie HUAN - Die Auflösung (UA)
Dirigent: Marcus Bosch

SZ (Münchner Kultur) vom 3.5.2008
Beinahe ein Thriller
Das Biennale-Sonderkonzert der Münchner Philharmoniker
Wenn Neue Musik so direkt unter die Haut geht wie die Uraufführungen von Jens Joneleit und Peter Michael Hamel, dann braucht es kaum einen Begleittext, der die Gedanken hinter der Komposition zu erläutern versucht. Im Fall von Hamels zweiter Sinfonie "Die Auflösung" könnte man bei der Lektüre sogar eher Angst vor der musik bekommen, bevor man sie hört. So vielschichtig, so tiefschürfend und welt- und zeitumspannend werden da die Ansätze geschildert: "synkretistisch" schwängen da etwa Anklänge an "wichtige Epochen der abendländischen Musik", würden "Ingredenzien anderer Musikkulturen rationalistischer Exegese offenbar."
Dabei kann man sich hineinfallen lassen in das Donnern der Tuben und Posaunen, in das rhythmische und harmonische Schwelgen der Philharmoniker, aus dem immer wieder Harfenglissandi aufblitzen. Für anhaltende emotionale Anspannung sorgt auch der Philharmonische Chor: Menschenstimmen, die klar und hell herausbrechen aus dem fast einheitlich drängenden Duktus der Musik. (...)
Aufreibend: Ein Abend wie ein guter Krimi.

MM (Kultur) vom 2.5.2008
Uraufführung ohne Irritationen
(...) Über Stockhausens festliches, solosattes "Jubiläum" von 1977 gelangten die Philharmoniker zur Uraufführung von Peter Michael Hameels zweiter Sinfonie "Die Auflösung". Bei der ersten Biennale hatten die Philharmoniker unter Celibidaches Leitung Hamels Erste uraufgeführt. Jetzt präsentierten sie ein klanglich moderates, gekonnt mit außereuropäischen Einflüssenden spielendes fünfsätziges Werk.
Hamel hat seinen eigenen, farbigen Ton gefunden, der nicht innovativ irritiert. Er benutzt das Orchester nicht als Geräusch-Produzent, sondern geht gerade im ersten Satz "Einklang" vom vertrauten Streichersound er Philharmoniker aus. Darum herum legt er wie Klangringe die Bläser und das Schlagwerk, die starke Akzente liefern, im zweiten Satz "Ausklang" auch agressiver dem Streicherklang zusetzen. Der "Nachklang" wird zum meditativen Auspendeln, während der "Urklang" mit einem großen "Aufbäumen einsetzt. Hier, wie auch im finalen "Gegenklang", trat der Philharmonische Chor mit Worten aus dem Tibetischen Ttenbuch und dem 150. Psalm hervor.

Kieler Nachrichten vom 2.5.2008
Eindruck machten die Altmeister
20 Jahre Biennale für neues Musiktheater
(...) Und auch der heute 60 Jahre alte Münchner Komponist Peter Michael Hamel beherrschte mit seinem rund 40-minütigen Werk souverän die große chorymphonische Form, faszinierte mit seinem weiten Spektrum an klangsinnlichkeit und instrumentatorischer Rafinesse, bestach zugleich mit einer suggestiven Wort-Ton-Ausdeutung der zugrunde gelegten Texte, darunter dem 150. Psalm. Ein großer Wurf! (...)


02./03./04.04.2008 | Philharmonie im Gasteig
Benjamin Britten: War Requiem
Dirigent: James Conlon

SZ (Münchner Kultur) vom 7.4.2008
Ergreifend
Benjamin Brittens "War Requiem" ist ein Bekenntniswerk, das wie kaum ein anderes die Schrecken des Krieges thematisiert. Das Konzert der Münchner Philharmoniker in der Philharmonie vermittelte davon viel, auch wenn Dirigent James Conlon das hochemotionale Stück mit betonter Sachlichkeit anging und nur wenig von dem hier durchaus vorhandenen Pathos aufkommen ließ.
Mit drei Gesangsolisten, Riesenorchester, großem gemischten Chor und Knabenchor zieht Britten so ziemlich alle denkbaren Register. Der Philharmonische Chor (Einstudierung Andreas Herrmann) gab sich klanggewaltig, begeisterte aber auch mit elegischen Kantilenen im "Recordare" und grandios tragenden Pianissimi im "Pie Jesu Domine"; der hinter der Bühne unsichtbar bleibende Tölzer Knabenchor überzeugte gleichfalls. Eine Entdeckung war die junge Russin Tatiana Pavlovskaja, die die mitunter an die italienische Oper gemahnende Sopranpartie sang - mit leichtigkeit vermag sie auch einen markig auftrumpfenden großen Chor zu überstrahlen. Besonders berührten aber gerade die leisen Momente, in denen die Mittel auf ein Minimum reduziert sind wie bei der Textzeile "Let us sleep now".
Diese Eindringlichkeit verdankt das monumentale Werk gerade den beklemmenden Texten des jung gefallenen Dichters Wilfred Owen, die der Tenor John Aler und der Bariton Christian Gerhaer mit großer Intensität und Textverständnis vortrugen - letzterer, so könnte man mäkeln, mit fast schon zu viel balsamisch schönem Wohllaut angesichts von Leid und tiefer Verzweiflung. Nach dem Verklingen des Schlussakkords lange ergriffene Stille.

MM vom 5./6.4.2008
Philharmoniker: Transparentes "War Requiem"
Als Werk der Versöhnung wollte der überzeugte Pazifist Benjamin Britten sein "War Requiem" verstanden wissen (...)
Trotz der groß dimensionierten Besetzung übte sich James Conlon meist in vornehmer Zurückhaltung und ließ die Partitur aus sich selbst heraus wirken. Dafür verfolgte der Dirigent einen intensiven aber dennoch transparenten Klang, wie ihn auch der Philharmonische Chor gut umzusetzen verstand, der nach einem sanften "Kyrie" mit dem "Dies Irae" aber auch seine geballte Kraft einzusetzen wusste. (...)

AZ vom 5./6.4.2008
Als Klangregisseur gefordert
James Conlon gastierte mit Britten in München
(...) Bei diesem aufwendigen, immer wieder eindringlichen Werk ist der Dirigent vor allem ein Regisseur der Klang-Ebenen: Sopran, Chor und das große Orchester übernehmen in Britten's War-Requiem die Liturgie. Ein Kammerensemble begleitet die hart dagegengeschnittenen pazifistischen Männer-Soli nach Anti-Kriegsgedichten von Wilfried Owen, der Knabenchor spendet Trost aus der Höhe. (...)
Die Aufführung betonte die Einheit des Werkes (...) zuletzt, im trostreichen, alle Klangebenen vereinenden "Libera me" überwältigte die pazifistische Botschaft vor allem dank des von Andreas Herrmann vorzüglich einstudierten Chores. Ergriffener Stille folgte herzlicher Beifall.

TZ vom 5./6.4.2008
Die Stille vor dem Applaus
"War Requiem"
Die erste Amtshandlung eines Dirigenten ist nicht der Auftaktschlag, sondern der Moment davor. Wer den so lang dehnt wie James Conlon, der bedeutet schon: Jetzt kommt etwas Großes, Wichtiges, Heiliges.
Und er löste das Versprechen ein: Brittens "War Requiem" hielt unter ihm eine stimmige Balance zwischen Intellektualität und Überwältigung, Weltnähe und Heiligenschein, Traditionsrückgriff und Modernität. keine dieser Facetten wurde geleugnet, keine übertrieben.
Conlon bewahrte britische Contenance, nichts geriet ihm unkontrolliert, unüberlegt. Selbst die ungewöhnliche Aufstellung (quasi "historische Aufführungspraxis") der Münchner Philharmoniker und ihres Chores war durchdacht. Nur der Tölzer Knabenchor, im Bühnen-Jenseits postiert, klang etwas zu entfernt. (...)
Die "Amens" des Chores hatten eine ewigkeitshauchende Wärme und Tiefe. So wars auch angemessen, dass Conlon die Stille vor dem Applaus fast noch eine Minute hielt.

klassikinfo vom 4.4.2008
Klingender Appell gegen Gewalt
Die Münchner Philharmoniker und der Philharmonische Chor unter James Conlon führen Brittens "War-Requiem" auf (von Klaus Kalchschmid)
Das War Requiem von Benjamin Britten ist weniger eine katholische Totenmesse denn eine flammende Anklage eines glühenden Pazifisten gegen das sinnlose Sterben in allen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Kriegen. Man muss das 1962 in Coventry uraufgeführte anderthalbstündige politische Oratorium, das kühn den lateinischen Requiem-Text mit den englischsprachigen Reflexionen des im ersten Weltkrieg gefallenen Dichters Winfred Owen kontrastiert, live hören - in einer so großartigen Aufführung wie mit den Münchner Philharmonikern, dem Philharmonischen Chor und drei fabelhaften Solisten unter Leitung von James Conlon, dass sich eine derart erschütternd kathartische Wirkung einstellt.
Man muss sehen, nicht nur hören, wie den beiden Männerstimmen ein feines, kleines Kammerorchester zur Seite steht und diese beiden "Soldaten" vom charismatischen Bariton Christian Gerhaher und Tenor John Aller, der frappierend an Peter Pears erinnert, vielschichtig gestaltet werden. Hinter ihnen vergegenwärtigten die eigentliche Requiem-Vertonung das große Symphonieorchester, gemischter Chor und Knabenchor, überstrahlt von der grandios schillernd leuchtenden Sopranistin Tatiana Pavlovskaya. Wie von Britten gewünscht, waren damit die drei Kriegsparteien Russland, Großbritannien und Deutschland vertreten, die für alle sicht- und hörbar ein Requiem der Versöhnung sangen - kulminierend in der sanften Begegnung der beiden Soldaten, die sich gegenseitig getötet hatten, in einem imaginären Zwischenreich, das gleichzeitig das Utopia einer friedvollen Welt darstellen soll.
James Conlon hatte mit einem unglaublich differenziert singenden Philharmonischen Chor und den nicht minder gut disponierten und motivierten Philharmonikern die kollektive Stütze für eine Aufführung, bei der alles stimmte: die bis ins kleinste Detail präzise Arikulation und eine subtile Differenzierung der Dynamik, die jedes Wort, jede Phrase zur Geltung brachte. Aber auch die großen Spannungsbögen, die zarte Innigkeit mancher Teile einerseits oder die mächtige Gewalt etwa des "Dies irae" andererseits gelangen ausgezeichnet. Danach große, ergriffene Stille.


29./30.11., 1./2.12.2007 | Philharmonie im Gasteig
Robert Schumann: Requiem Des-Dur
Dirigent: Christian Thielemann

SZ (Feuilleton) vom 1./2.12.2007
Eigenwillig beharren
Thielemann dirigiert in München Schumann, Strauss und Pfitzner
von Wolfgang Schreiber
(...)
Robert Schumanns "Requiem" in Des-Dur op.148 stammt aus den letzten Jahren vor Ausbruch der Depression und der todeskrankheit. Seltsames Stück: eine katholisch-lateinische Kirchenmusik des Protestanten, eine emotional entrückte, überpersönlich "objektive Musik für Ohren, die genau hineinhören (...) Thielemann, vier Solisten und der ausgezeichnete Philharmonische Chor machten das einzig Richtige, suchten nicht die Schärfung der Dynamik und Deklamation oder danach die Fugati aufzuheizen. Vielmahr wahrte man Distanz, verhalf reizvollen Klangfarben und feinen harmonischen Regungen zu ihrem Recht. (...)

AZ vom 1./2.12.2007
Melancholie mit Leben gefüllt
Philharmonie: Christian Thielemann mit Raritäten von Schumann & Pfitzner
von Volker Boser
(...) Im "Requiem" von Schumann vollbrachte der von Andreas Herrmann einstudierte Chor wahre Wunderdinge. Wie es Christian Thielemann gelang, die sperrige Melancholie dieser romantischen Trauermusik mit Leben zu füllen, war von grandioser Überzeugungskraft. Auch dank der angemessenen Solisten Sibylla Rubens, Ann-Katrin Naidu, Christian Elsner, Reinhard Hagen gelang eine bewegende Aufführung. Das Publikum war in Hochstimmung. (...)

TZ vom 1./2.12.2007
Thielemann: Seltene Kost, wohlschmeckend serviert
von Michael Brommer
Nicht gerade häufig servierte Kost hoben Christian Thielemann und seine Philharmoniker diesmal aufs Tablett. (...) Nach der Pause schloss Schumanns Requiem angenehm den Magen - dank eines zart wie kraftvoll, dabei stets geschmeidig und nuanciert agierenden, von Andreas Herrmann gut präparierten (...) Philharmonischen Chores. (...)

MM vom 1./2.12.2007
Seelendramen
Philharmoniker mit Schumann, Strauss und Pfitzner
von Dorothea Husslein
In ihrem Programm wurden die Münchner Philharmoniker unter Leitung von Christian Thielemann der November-Stimmung mit Werken von Schumann, Pfitzner und Strauss gerecht. (...) Selten ist Schumanns Requiem in Des-Dur zu hören. (...) Der Tod erscheint hier nicht als Schrecken. Vielmehr kosteten Thielemann, die Philharmoniker und der Philharmonische Chor die Frieden und Harmonie verkündenden Klangstrecken teils wuchtig aus.

Ankündigung in "Applaus" - Ausgabe November 2007
Schumann, Pfitzner, Strauss
Die Musik des späten Robert Schumann ist im Konzertleben immer noch, über 150 Jahre nach seinem Tod, auf geradezu skandalöse Weise unterrepräsentiert. Christian Thielemann, der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, ist seit langer Zeit ausgewiesener Schumannianer, und es könnte einer der bedeutendsten Grundzüge seiner Ära werden, dessen allzu lange vernachlässigte Werke endlich einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen.
Im Jahre 1852 enstand Schumanns Requiem op. 148, das - in der seltenen Tonart Des-Dur stehend - ein ebenso mysteriöses wie faszinierendes Stück ist, in musikgeschichtlicher Hinsicht das Bindeglied zwischen Mozarts und Brahms' Requiem-Vertonungen. Es steht zu hoffen, dass dieses bedeutende Werk nach Thielemanns so wertvoller Initiative auch andernorts endlich die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient; freuen kann man sich auf die mitwirkenden Sänger, Sibylla Rubens, Ann-Katrin Naidu, Christian Elsner und Reinhard Hagen, dazu den wunderbaren Philharmonischen Chor unter seinem Leiter Andreas Herrmann.
Christian Thielemann wird jeweils zwei Orchesterlieder Hans Pfitzners sowie Richard Strauss' dirigieren, mit dem koreanischen Bassisten Kwang-Chul Youn als Solisten. Alles in allem ist dies eines der interessantesten und verdienstvollsten Programme der laufenden Saison.
29. und 30. November, 20 Uhr, 1. Dezember, 19 Uhr, 2. Dezember, 11 Uhr, Philharmonie im Gasteig. Karten: Tel. 0180-54818181 (14 ct/min)