Saison 2005/2006

07./08./09.07.2006 | Philharmonie im Gasteig
Sergej Prokofjew: Alexander Newski
Dirigent: Alexander Liebreich

Münchner Merkur vom 10.7.2006
Prokofjew: Futter fürs Orchester
von Gabriele Luster

Patriotismus pur, aber ganz ohne Fahnenschwenken erlebten die Besucher des Philharmonischen Abonnement-Konzerts im Münchner Gasteig: Sergej Prokofjews Kantate für Mezzosopran, Chor und Orchester "Alexander Newski" stand auf dem Programm, das mit Gija Kanchelis "Trauerfarbenes Land" eröffnet wurde. (...)
Alexander Liebreich, eingesprungen für den erkrankten Dennis Russell Davies, reizte - temperamentvoll agierend - die Partitur aus, und die Münchner Philharmoniker folgten willig.
So richtig austoben konnten sie sich in Prokofjews plakativer Kantate. Sie ist das 1939 vollendete Konzentrat aus einer 1938 für Sergej Eisenstein geschriebenen Filmmusik zum Streifen "Alexander Newski". Aller dröhnenden Propaganda zum Trotz bietet das Werk Futter fürs Orchester wie für den Philharmonischen Chor (einstudiert von Andreas Herrmann), der die Kampfeslust feurig schürte und den heroisch-volksliednahen Ton gut traf. (...)
Das Publikum applaudierte beeindruckt.


25.06.2006 | Pfarrkirche Kißlegg
Johann Sebastian Bach: Jesu meine Freude
Wolfgang Amadeus Mozart: Laudate Dominum
Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem d-moll
Wolfgang Amadeus Mozart: Ave verum

Philharmonischer Kammerchor München
Philharmonisches Kammerorchester München
Dirigenten: Andreas Herrmann, Manfred Honeck

Schwäbische Zeitung vom 26.6.2006
Junge Solisten feiern ihren Mozart
Wolfegg/Kisslegg - Ganz im Zeichen des Jubilars Wolfgang Amadeus Mozart standen die beiden Konzerte, die Manfred Honeck im Rahmen der Internationalen Wolfegger Konzerte dirigierte: Im ausverkauften Rittersaal präsentierten sich junge Solisten mit Arien und einem Violinkonzert, am Sonntag folgte in der Pfarrkirche Kisslegg als Hauptwerk Mozarts Requiem
von unserer Mitarbeiterin Katharina von Glasenapp
(...)
--- Berührende Verbindung ---
Am Sonntag gab es eine Wiederbegegnung mit den nun zu einem harmonischen Ensemble vereinten Solisten und mit Honecks ganz persönlicher Sicht auf Mozarts Requiem. Gemeinsam mit dem sehr flexiblen philharmonischen Kammerchor München, der unter Leitung von Andreas Herrmann den Abend mit der schlank musizierten Motette "Jesu meine Freude" eröffnete, mit dem Orchester und einer Choralschola des Vocalcollegiums Ravensburg brachte er jene stets berührende Verbindung von Mozarts Musik, eindringlichen Briefen und Passagen aus der Offenbarung (dramatisch rezitiert von Bodo Primus) und auch einem poetischen Text der Tettnanger Dichterin Erika Dillmann.


06.06.2006 | Olympiastadion München
"3 Orchester" - Das Klassik-Event zur Fußball-Weltmeisterschaft
Richard Wagner | aus "Lohengrin": Einzug der Gäste
Carl Orff | aus "Carmina Burana": O Fortuna
Giuseppe Verdi | aus "La Traviata": Libiamo
Placido Domingo jr. | Willkommen bei uns
arr. Matthias Keller | Countdown for the Champions (You'll never walk alone, Pomp and Circumstance, We are the Champions)
in Zusammenarbeit mit den Münchner Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Bayerischen Staatsorchester, dem Chor des bayerischen Rundfunks, dem Chor der Bayerischen Staatsoper, Placido Domingo, Diana Damrau, Xaivier Naidoo und den Söhnen Mannheims, Lang-Lang

Präsentation: Reinhold Beckmann
Dirigenten: Christian Thielemann, Mariss Jansons, Zubin Mehta

Süddeutsche Zeitung vom 08.06.06 – München
Hier spielt die Musik zur WM
Ein Konzert der Superlative haben am Dienstagabend trotz eisiger Kälte etwa 28.000 Zuschauer im Olympiastadion verfolgt. Bei „3 Orchester und Stars“ trafen sich Tenor Placido Domingo, die Münchner Philharmoniker, das BR-Symphonieorchester und das Bayerische Staatsorchester auf der Bühne
Champions League der Klassik – Die Polit- und Fußballprominenz ergötzt sich an drei Orchestern, zwei Opernstars und ein paar Mannheimern
Von Andreas Schubert
Wenn der Freistaat schon einen kulturellen WM-Auftakt organisiert, dann soll es was Gescheites sein, was so richtig Großes. Oder wie es Ministerpräsident Edmund Stoiber im Programmheft von „3 Orchester und Stars“ ausdrückt: Ein „Ausrufezeichen“. OB Christian Ude preist diese Interpunktion ein paar Seiten weiter als „herausragendes Musikereignis“. Das, so viel ist über das Konzert am Dienstag zu sagen, schein gelungen – mit Wagner am Anfang, Pop zwischendurch und einem Feuerwerk mit „Pomp and Circumstance“ zum Schluss. Und wenn sich das Bayerische Staatsorchester, die Münchner Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Tenor Placido Domingo, Sopranistin Diana Damrau, Pianostar Lang Lang und den „Söhnen Mannheims“ schon eine Bühne teilen, braucht man auch einen passenden Moderator, der das Großereignis entsprechend verkauft: TV-Talker Reinhold Beckmann.
Weil der auch über Sport reden kann, eignet er sich für die Show perfekt. Schließlich sitzen unter den 3.000 Ehrengästen nicht nur Politiker und andere Prominenz, sondern auch Fifa-Boss Sepp Blatter, Organisationskomitee-Boss Franz Beckenbauer und Fußballlegende Michel Platini. Auf der Bühne sitzt derweil die „Champions League der Klassik“, lobt Beckmann. Und die spielt so gut wie Zidane, Ronadinho oder, na klar, Bastian Schweinsteiger. Die richtige Liga für Startenor Placido Domingo, den „Weltrekordler der Opernszene“.
Überhaupt wird zwischen den Stücken, alles Klassiker der Musikliteratur, viel auf der Bühne geplaudert. Seitdem weiß man: Die BR-Symphoniker spielen am besten, zumindest Fußball. Placido Domingo hat noch nie eine WM verpasst, Lang Lang klimpert nur deshalb so virtuos, weil er als Kind Tom und Jerry im Fernsehen verfolgt hat und genauso gut spielen lernen wollte wie die Comic-Katze. Den 28.000 Frierenden im Stadion gefällt der Mix aus Klassik, Pop und Talk. Beim Auftritt der Söhne Mannheims schwappt sogar kurz die „La-Ola-Welle“ durchs Stadion, die nur im Block Z1 und in der Loge (geladene Gäste) abflaut. Dass dies nichts mit mangelnder Begeisterung zu tun hat, sondern vielleicht eher mit kältesteifen Gliedern, hört man in der recht lang geratenen Pause und nach dem Konzert. Ein „super Auftakt“ lobt Bayern-Manager Uli Hoeneß, ein „wunderbarer Abend“ Franz Beckenbauer. Stoiber preist die „wunderbare Ouvertüre für die WM“, bei der sich Deutschland sehr gut gezeigt habe, Placido Domingo lobt seine Bühnenpartnerin Diana Damrau, die ihn wiederum für seinen phänomenalen Walzertanz preist. Nebenbei bemerkt: Tanzen und Fußball gehören für Domingo zusammen. Auf die Frage eines Fernsehteams, wie er wohl Brasiliens Stürmerstar Ronaldo auf der Bühne darstellen würde, tänzelt der Tenor im Samba-Schritt. Die Frage „wer wird Weltmeister?“ kommentiert er dann nach Kaisers Art: „Vamos a ver“ – schau mer mal.

tz vom 7.6.2006
- Bericht
- Kritik

klassik.com vom 6.6.2006
München > Olympiastadion - 06.06.2006
Künstlerisches Feuerwerk zum WM-Auftakt
3 Orchester & Stars im Olympiastadion
Kritik von Florian Lang
Drei Trainer, drei Mannschaften – ein gigantisches Spiel. Drei Tage vor der WM-Eröffnung gaben sich die drei Münchner Spitzenorchester mit ihren Maestri im Münchner Olympiastadion – ein geschichtsträchtiger Ort für sportliche Highlights und Konzerte der Superlative – die Ehre. Neben dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons, den Münchner Philharmonikern unter Generalmusikdirektor Christian Thielemann und dem Staatsorchester unter Zubin Mehta, mit ihren jeweiligen Chören, standen die Top-Stars Placido Domingo, Diana Damrau und Lang Lang auf der Bühne. Als Special Guests nach der Pause zogen die Söhne Mannheims mit poppigem Schwung ins Spiel.
Spagat zwischen Klassik und Pop
Das Programm machte einen sportlichen Spagat zwischen Klassik und Pop. Von Richard Wagner, über Giuseppe Verdi, Richard Strauss und Johann Strauß bis hin zum „Pflichtstück“ Pomp and Circumstances von Edward Elgar, gipfelte der Konzertabend mit allen Beteiligten und der Fußballhymne 'We are the Champions' in einem spektakulären Feuerwerk. Zwar reihte das Programm Werksschnipsel in schnöder Klassik-Sampler Manier aneinander, das musikalische Fingerspitzengefühl der Orchester und Chöre entschädigte aber und machte aus den Einzelsätzen eine runde Sache. Musikalische Highlights vor der Pause waren der Auftritt von Startenor Placido Domingo, der mit Winterstürme wichen dem Wonnemond aus Wagners Walküre zumindest thematisch auf den nicht vorhandenen Frühling im eiskalten Stadion einstimmte, und Carl Orffs 'O Fortuna' aus Carmina Burana. Stimmgewaltig bauschten sich alle drei Chöre über der rhythmischen Orchestergrundierung des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks auf. Nach der Pause stimmten Domingo und Diana Damrau, vom Staatsorchester begleitet, das allseits bekannte Trinklied aus Giuseppe Verdis’ La Traviata an, interpretierten dies keck und garnierten es mit einer Walzereinlage.
Ein weiterer Klassikstar kam auf den Platz: der Echopreisträger und Pianist Lang Lang. Er spielte die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 von Franz Liszt in einem wahnwitzigen Tempo und blieb dabei seinem transparenten, sauberen Klang treu. Gleich darauf die Rhapsody in Blue von George Gershwin: Das Symphonieorchester des BR verlieh dem Stück den jazzigen Charakter, den man sich als Zuhörer erhofft hatte. Keine Selbstverständlichkeit, denn viele klassische Orchester scheitern an der Brücke von Klassik zu Jazz.
Mega-Event als Gesamtkunstwerk
Und, äußert lobenswert: die Akustik. Die Qualität der Musiker käme nicht zum Gehör des Konzertbesuchers, wenn nicht die Tontechnik ihresgleichen sucht. Was bei Open Air Veranstaltungen nicht gang und gäbe ist, schon gar nicht im riesigen Olympiastadion, meisterten die Toningenieure vorbildlich. Sie schafften es, einen klaren, echofreien Klang zu übermitteln, der nicht in den Höhen scheppert und den Bass auf halbem Wege verliert. Pyrotechnik, ausgereifte Lichttechnik und eine hervorragende Leistung aller Beteiligten kreierten ein künstlerisches Gesamtkunstwerk, einen Mega-Event der Extraklasse. Bleibt zu hoffen, dass die Deutsche Nationalelf ähnlich virtuos mit dem Ball umgeht, wie die ausführenden Musiker mit ihren Instrumenten.


15./16.04.2006 | Olympiahalle München
19./20./21.05.2006 | SAP Arena Mannheim
Giuseppe Verdi | Aida
in Zusammenarbeit mit der Companions Opera Amsterdam und dem BR-Rundfunkorchester

Dirigent: Patrick Fournillier

Kritiken Mannheim:
Mannheimer Morgen 22.5.2006
Trotz mancher Abstriche: Beeindruckende "Aida" in der SAP Arena
Auf sehr gute Resonanz beim Publikum stieß die Mammutaufführung der Verdi-Oper "Aida" bei der Premiere am Freitagabend in der SAP Arena.
Von Peter W. Ragge
Ja, genau, auf so was haben hier doch alle Leute gewartet. Zwei Streitwagen, gezogen von je zwei Pferden, liefern sich eine Art rasantes Wettrennen, fahren immer im Kreis herum, dann knallt es vier Mal, weil an vier Ecken der Arena Funken sprühende Mini-Feuerwerksfontänen losgehen, sofort wabern dichte Pulverdampfwolken über den sandbedeckten Boden sowie die Köpfe der Heerscharen von Soldaten, Sklaven und Priestern, und noch in den kräftigen Beifall hinein ertönt es laut von den Rängen, wo der Chor sitzt: "Heil, Ägypten, Dir . . .".
Ja, das ist es, was das Publikum sich von einer "Aida" wünscht. Die Liebesgeschichte zwischen dem ägyptischen Feldherren Radames und der äthiopischen Sklavin Aida "im Original", nun ja, zumindest so, wie die Vorstellungskraft sich eben das Nildelta zur Pharaonenzeit ausmalt. (...) - es ist eine monumentale, durch geschickt in wirkungsvolle Lichtstimmungen gesetzte, durch beeindruckende Massenszenen mit Bogenschützen und Speerträgern, vielen Fackeln, großen Streitwagen, farbenprächtigen Gewändern, opulenten Bildern und viel Symbolik bestechende Inszenierung, für die trotz mancher Abstriche von den Ankündigungen ein enormer Aufwand nötig war. Seit sechs Tagen hatten Landschaftsgärtner, Tischler, Zimmerleute, Bühnenbildner und viele Helfer bereits in der Arena gearbeitet, mit Radladern und Schaufelbaggern zum Beispiel über 300 Tonnen gröberes und feineres Sandgranulat sowie Kies dort verteilt, wo sonst die "Adler" mit den Kufen über das Eis flitzen.
Nun aber wird hier der Sieg der Ägypter über die Äthiopier gefeiert, gar die Schlacht etwas nachgestellt, Fanfarenstöße verkünden den Triumph. (...) "Einfach monumental, ich finde es gut." "Fantastisch, hervorragend", schwärmt gar Hans Meckle, auch er sonst großer Opernfreund im Nationaltheater und anderswo: "Ich war schon in Verona, das hier kann durchaus damit mithalten", lobt er und gesteht: "Ich bin überwältigt."
Aber auch Leute, die, wie Sandra Herrmann von sich sagt, "eigentlich nicht so große Opernfans" sind, finden den Abend "einfach super": "Ich find's gut!" "Alles sehr gut, die Massenszenen besonders", so Christine Schindler, die sonst nur ins Heidelberger Theater geht. Bisher nur Schauspiel, ebenfalls in Heidelberg, kennt Schülerin Dania Hoffmann. Doch das Spektakel, das Event hat sie angezogen: "Es ist meine erste Oper, die ich sehe, und es ist einfach super, besonders die Massenszenen." Studentin Myriam Blum schließt sich an. "Einmal war ich bisher in der Oper, es war eher eine moderne Inszenierung. Hier war ich zwar erst skeptisch, ob das alles ins Ambiente der modernen Arena passt - aber es ist einfach super, ganz tolle Stimmung."
Die bleibt auch, obwohl sich das Spektakel - durch Erzähler - mehr als drei Stunden und damit länger als die eigentliche Oper hinzieht, daher vereinzelt Leute früher gehen. Aber als sich der riesige Stein schließt, Aida und ihr Geliebter lebendig begraben werden, bricht donnernden Applaus los, gibt es anerkennende Pfiffe, einige "Bravo"-Rufe, und einer hat gar eine Tröte dabei - wie beim Eishockey.

Kritiken München:

Aktuelles Samstags Blatt vom 22.4.2006
Opernevent der Sonderklasse
Aida-Inszenierung in jeder Hinsicht herausragend
Von Angela Boschert
Nach Rotterdam, Hamburg und Hannover kam Giuseppe Verdis große Oper "Aida" als "Arena-Version" in die Olympiahalle nach München. Über 500 Mitwirkende, darunter 24 Ballettkinder der Münchner Ballettschule Söhn und 286 Statisten sorgten für eine gigantische Aufführung auf dem mit Sand abgedeckten Hallenboden.
Die Olympiahalle verwandelte sich in eine ägyptische Wüstenlandschaft mit künstlichen Seen und Flüssen. So wie in dieser Produktion habe man die tragische Liebesgeschichte der äthiopischen Sklavin "Aida" und des ägyptischen Feldherrn Radames vermutlich noch nie erlebt.
Und in der Tat war hier einiges anders. Es herrschte schon vor Beginn der Oper eine geschäftige Betriebsamkeit auf der Spielfläche: Fischer flickten ihre Netze, Kinder tollten umher, Soldaten trainierten für den Kampf und ägyptische Priester hielten Zeremonien. Sämtliche Ausmaße waren mächtig. Die Zuschauer saßen rings um die Szene herum, das ist nicht einmal in der Arena von Verona möglich.
Hierbei stellt sich natürlich die Frage, ob die musikalische Qualität nicht unter dem Gigantismus des Szenischen würde leiden müssen. Aber mit dem Philharmonischen Chor München und dem Münchner Rundfunkorchester hatte man versierte Kräfte verpflichtet, die unter der enorm aktiven Leitung von Patrick Fournillier keine Wünsche offen ließen. Sie begleiteten aufmerksam und einfühlsam die Solisten oder setzten musikalische Akzente, wo nötig. Die Herausforderungen der Partitur, insbesondere den mit Schwierigeiten gespickten Triumphmarsch, bewältigten gerade die Bläser des Rundfunkorchesters souverän.
Nicht anders die Solisten. Die nicht nur den musikalischen Raum voll ausfüllende Ines Salazar als Aida und der ebenso leidenschaftlich liebende wie selbstbewusst steuernde Keith Olsen als Radames durchlebten die Liebesgeschichte ungeachtet der enormen körperlichen Anstrengungen, welche die langen Wege im Areal der Olympiahalle zusätzlich von ihnen forderten. und Chariklia Mayropoulou focht das Eifersuchtsdrama mit Aida unter Zuhilfenahme sämtlicher Mittel aus: gestisch, mimisch und stimmlich.
Die Schlussszene fesselte ungeachtet der großen Halle durch größte Intimität und stand damit in wirkungsvollem Kontrast zu den Massen- und Aktionsszenen im ersten, zweiten und dritten Akt. in der Inszenierung war abgesehen von kleinen Unstimmigkeiten alles wie aus einem Guss: Die Choreographie der mitwirkenden Statisten, die alle aus München kamen, das rennen der von je zwei Pferden gezogenen Kriegswagen oder das süße Ballett der Kinder. Der Triumphmarsch war dabei bildlich und musikalisch einer der Höhepunkte. Erst entwickelten die Tänzer aus Aluminiumstreifen nach und nach ein silber-goldenes Netz, das den zentralen Sockel des Tempels überzog, dann setzten vier Feuerwerke an den Ecken der Spielfläche den optischen Schlusspunkt. Dieses und viele weitere Ereignisse ließen diesen Abend szenisch, aber auch musikalisch, zu einem Erlebnis werdewn. Man darf gespannt sein auf die "Nabucco"-Monumentalversion nächstes Jahr.
Süddeutsche Zeitung, Münchner Merkur, Abendzeitung, tz über "Aida" in ihren Ausgaben vom 18.04.2006

Ankündigungen:

Münchner Merkur vom 15.4.2006
Ägypten an der Isar
Opern-Ostern: Verdis "Aida" in München
Von Dorothea Husslein
"Natürlich ist Giuseppe Verdis ,Aida’ bestens auf einer Opernbühne platziert. Aber die Oper ist so spektakulär, mit großem Chor, die Geschichte verzwickt und umfangreich, sie spielt in der Wüste mit Pyramiden - also von daher ist ,Aida’ eigentlich wunderbar für einen Ort wie die Olympiahalle geeignet oder sogar für ein noch größeres Stadion. Das würde auch gut passen." Für Rian van Holland, die Aufführungsregisseurin der "Aida"-Produktion, die an diesem Ostersamstag und Ostersonntag, jeweils 20 Uhr, als großes Spektakel in der Münchner Olympiahalle zu sehen ist, besteht gar kein Zweifel daran, dass die Inszenierung dort bestens aufgehoben ist.
Das Originalkonzept stammt aus dem Jahr 1998 von Petrika Ionesco und wird immer wieder den Bedürfnissen der unterschiedlichen Schauplätze angepasst. "Man kann niemals das Gleiche machen. Wir ändern die Regie durch neue Ideen, aber wir fragen uns auch immer: Was braucht der Raum, was braucht er nicht?" 2001 hatte die Stadion-Version von "Aida" in der Arena Auf Schalke Deutschland-Premiere, begeisterte dort 50 000 Zuschauer und war anschließend in Basel, Hamburg und Hannover zu sehen. Nun liegt Ägypten an diesem Wochenende an der Isar.
Und um das Publikum auch in der Münchner Olympiahalle 2 500 Jahre ins Land der Pharaonen zurückzuversetzen, entstand eine Nil-Landschaft von beeindruckendem Format. Gespielt wird auf 500 Tonnen Wüstensand. "Wir haben eine sehr lebendige Bühne. Wir haben Pferde, und es gibt auch einen Geier, der gar fliegt. Und wenn er fliegt, wie wir das wollen, dann werden es sehr schöne Momente werden", so Rian van Holland. 900 Personen sind daran beteiligt, Verdis Meisterwerk hier als Megaproduktion zu realisieren, 600 von ihnen wirken in der Inszenierung mit. Gearbeitet wird übrigens jeweils mit lokalen Statisten. Oper als Spektakel oder Show, Puristen mögen bei diesen Dimensionen die Nase rümpfen.
Doch der holländische Produzent Peter Kroone will, dem Vorbild von Verona und Bregenz folgend, Opern einem breiten und jüngeren Publikum bewusst als Event zugänglich machen; und nicht nur die populären Werke wie "Carmen" oder "Nabucco", sondern beispielsweise auch "Cavalleria rusticana" und "Rigoletto": "Oper ist nicht nur dafür gemacht, um das Notenmaterial zu interpretieren. Ich glaube, ein Mozart, ein Verdi haben auch nicht als Puristen, sondern als lebendige Musiker gearbeitet und versucht, das Publikum zu erreichen. Und das ist es, was wir auch versuchen. Natürlich müssen wir mit Verstärkern arbeiten, aber wir ändern nichts in der Musik." Die Qualität der Interpreten steht für Produzent Peter Kroone obenan.
In der Olympiahalle wird das Münchner Rundfunkorchester unter Leitung von Patrick Founillier spielen, auch der Philharmonische Chor München lässt sich auf dieses Projekt ein, und der Solistenriege gehören unter anderem Inez Salazar als Aida, Keith Olsen als Radames und Chariklia Mayropoulou als Amneris an. Alle drei kehren immer wieder gerne in Produktionen von Peter Kroone zurück. Begeistert sind sie unter anderem davon, nicht auf einer Bühne, sondern auf einer Spielfläche mit einem 360-Grad-Radius zu spielen, was nicht nur stimmliches, sondern auch großes physisches Engagement verlangt. Eine Herausforderung auch, dabei über Monitore auf die Einsätze des Dirigenten zu reagieren.
Chariklia Mayropoulou meint sogar, dass man in dieser Art der Produktion viel natürlicher spielt als sonst. Keith Olsen sieht die Größe der Olympiahalle überhaupt nicht als Problem. Im Gegenteil, für ihn habe sie sogar intimen Charakter: "Es ist wie im Shakespeare-Theater. Wir können viel besser spielen, weil wir uns auf uns konzentrieren und nicht daran denken müssen, wo das Publikum ist, an das wir uns wenden müssen. Hier sind alle in alles einbezogen." Übrigens: Wer das Libretto nicht im Detail kennt - kein Problem: Ein Erzähler führt in die jeweiligen Akte ein, danach sprechen Musik und Szene für sich selbst.

Süddeutsche Zeitung vom 12.04.06: Münchner Kultur
Lokal denken, global handeln
Verdis "Aida" in der Olympiahalle wird ein großes Spektakel mit heimischen Pferden, Geiern und 600 Statisten
Von Willibald Spatz
Alles muss immer noch größer werden. Wenn schon mal eine
Weltmeisterschaft im Land ist, dann dürfen auch die Opern nicht mehr in ihren kleinen Häusern bleiben, dann müssen sie mindestens in Hallen. Am Karsamstag und Ostersonntag ist Verdis "Aida" in der Olympiahalle zu Gast, eine Oper, die einen gewissen Bombast durchaus verträgt: Sie wurde schon seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts am Originalschauplatz, vor Pyramiden in Ägypten, aufgeführt. Jetzt will man das übertreffen und die Wüste nach Bayern holen.
In der Olympiahalle ist der gesamte Innenbereich mit Sand ausgeschüttet
worden. Drumherum - und nicht davor, wie sonst bei Massenopern - sitzen die Zuschauer. 20.000 sollen es werden an beiden Tagen, wenn alles gut
läuft. Das hofft jedenfalls Bernd Zerbin von der Hamburger Konzertagentur FKP Scorpio, die in Deutschland die Show organisiert. Ursprünglich kommt
die Idee, Opern in Arenen zu spielen, aus Holland. Diese "Aida"-Produktion, die Petrika Ionesco inszeniert hat, stammt aus dem Jahr 1998 und hatte 2001 ihre Deutschland-Premiere in der Schalke-Arena in Gelsenkirchen. Seitdem wurde sie in Basel, Hamburg und Hannover gut aufgenommen.
Das mag daran liegen, dass man "nicht nur einen auf Spektakel machen will, sondern auch musikalisch etwas zu bieten hat", sagt Bernd Zerbin. Das Besondere an dem Konzept sei nämlich, dass man in jeder Stadt die Zusammenarbeit mit lokalen, renommierten Musikern suche. In München sind das das Rundfunkorchester und der Philharmonische Chor. Christian Frohnholzer, der für den Chor spricht, ist begeistert von der "großen Professionalität", mit der die Proben abgehalten werden. Er sieht in dieser Form der Zusammenarbeit eine "schöne Herausforderung. Der Dirigent weiß genau, was er will". Dieser Dirigent heißt Patrick Fournillier. Auch Gitta Jäger, die Managerin des Rundfunkorchesters, freut sich, dass hier eine Zusammenarbeit mit ihm zustande gekommen ist.
Doch alle Sorgen ist man somit noch nicht los. "Eine Produktion dieser Art hat ein Investitionsvolumen von mindestens zwei Millionen Euro. Ein normales Haus müsste mindestens vier Monate ausverkauft sein, damit sich das lohnt", rechnet Bernd Zerbin vor. Hier sei man bei zwei ausverkauften Vorstellungen gerade auf Null. Möglich wird das überhaupt nur dadurch, dass die Statisten, immerhin 600 Menschen, die manchmal gleichzeitig auf der Bühne stehen, ebenfalls lokal gecastet sind und keine Gage bekommen.
Dafür hätten sie während der drei Wochen Probenzeit einen Haufen Spaß, und die Atmosphäre sei sehr gut, erzählt Zerbin. Außerdem baue man fest auf die Mundpropaganda, die von den Beteiligten betrieben werde. Auf der Bühne gibt es echte Pferde und einen richtigen Geier, die auch aus der Umgebung Münchens stammen. Die Show ist also zum einen Teil eine internationale Großproduktion und zum anderen fest in der jeweiligen Stadt verwurzelt. Das Ziel: Einerseits habe man die Möglichkeit, ein Publikum zu erreichen, das sonst nie in eine Oper gekommen wäre, andererseits wolle man Opernpuristen überzeugen, dass die Verknüpfung von Großereignis und Musikgenuss möglich sei, hofft Zerbin. Auch Gitta Jäger sieht für das Rundfunkorchester hier sowohl die Möglichkeit, "weiterhin große Oper zu spielen als auch den Reiz, damit so eine große Menge Publikum zu erreichen". Allerdings seien solche Geschichten "nur eine zusätzliche Facette, kein Ersatz für das klassische Opernhaus".
Man ist zuversichtlich, hat auch schon eine weitere Zusammenarbeit geplant: Nächstes Jahr gibt es "Nabucco", übernaächstes "Turandot". Auch der Philharmonische Chor wird wieder dabei sein. Und noch größer muss man dann nicht mehr werden, wenn die Weltmeisterschaft vorbei ist. (Samstag/Sonntag, je 20 Uhr.)


17./18./19.03.2006 | Philharmonie im Gasteig
Carl Orff | Carmina Burana
Dirigent: Ion Marin

Süddeutsche Zeitung vom 20. 03. 2006: Münchner Kultur
Klare Sache – Die Münchner Philharmoniker unter Dirigent Ion Marin
Von Reinhard Schulz
Als Spiel über Liebe und Glück war der opulente Abend der Münchner Philharmoniker mit dem Philharmonischen Chor, den Regensburger Domspatzen und drei Gesangssolisten (Sally Matthews, Donald Kaasch und Michael Volle) zu hören. Die Philharmonie hatte einiges an Wucht bei den "Carmina Burana" auszuhalten, aber solch klar gesetzter, trennscharfer Klang tut ihr ja gut. Und man erlebte eine der stringentesten Aufführungen dieses Werks, das bei weniger interpretatorischer Insistenz formal zu bröckeln droht.
Vorgeschoben war Tschaikowskys Ouvertüre "Romeo und Julia", gewissermaßen als Beleg über das Ränkespiel Fortunas, das zu Beginn und am Schluss von Orffs Werk so nachdrücklich und beschwörend angesprochen wird. Hier schon ließ der junge rumänisch-österreichische Dirigent Ion Marin hören, wie wichtig ihm klangliche Ausbalancierung und individuelle charakterliche Färbung der Instrumente sind. Ein Pizzikato muss wie eine plötzliche Erscheinung auftauchen und rund nachklingen, ein Holzbläserton hat sich obertonintensiv in die Streicher zu betten. All dies zelebrierte Marin fast, aber der schicksalhafte Bogen wurde stets durch diese spannungsvollen Feinheiten zusammengehalten.
Das kam dann auch Orff zugute. Es ist ja im Grunde ein holzschnitzartiges Stück; doch Marin gelang es, das Werk nie vordergründig werden zu lassen. Die Opuletz des Klangs wurde voll, ja mit elementarer Wucht ausgespielt – und blieb dennoch in sich kontrolliert.


03., 04., 05.03.2006 | Philharmonie im Gasteig
Gustav Holst | Planets (für Frauenchor)
Dirigent: Mark Elder

Süddeutsche Zeitung vom 06. 03. 2006: Münchner Kultur
Ferne Welten – Die Philharmoniker begeistern mit Gustav Holsts »Planets«
Von Klaus Kalchschmid
Welchen Einfluss hätten wohl die Erkenntnisse der »Saturn«-Sonde »Cassini« auf Gustav Holsts Porträt dieses Planeten gehabt? Aber weder astronomische noch astrologische Kenntnisse sollten dem Briten in den Jahren des Ersten Weltkriegs bei der Komposition von »The Planets« mehr als eine Anregung sein. So war für ihn Saturn – das antike Sinnbild eines goldenen Zeitalters – »The Bringer of Old Age«. Daher komponierte er eine höchst ambivalente musikalische Imagination des Alters, die viele Deutungen erlaubt. Oder er fasste mit der Sphären-Musik von »Neptune, the Mystic« geradezu die Weite des Weltalls in Töne.
Mark Elder und die Münchner Philharmoniker boten für diese introvertierten Planeten-Porträts viele feine Schattierungen auf, entfachten aber auch einen enormen Hollywood-Kriegslärm in »Mars«, ließen den Freudentaumel in »Jupiter« oder die Steigerungswellen in »Uranus, the Magician« bestens zur Geltung kommen. Nur schade, dass man die Ergänzung des siebenteiligen Zyklus' – das Porträt von »Pluto«, das erst 1930 entdeckt wurde – nicht wenigstens als Zugabe spielte. 2000 hatte es der Holst-Herausgeber Colin Matthews komponiert, der auch der Bearbeiter von drei Debussyschen Klavier-Préludes war, die das Philharmoniker-Konzert eröffneten. Nicht erst im Kaleidoskop von »Minstrels« erwies sich Matthews als höchst sensibler, ebenso kenntnisreicher wie phantasievoller Instrumentator.
Neben diesen farbigen, lebensfrohen Charakterstücken nahm sich Benjamin Brittens »Sinfonia da Requiem« wie ein düsterer Traum aus. Eigentlich als Festmusik zum 2600-jährigen Bestehen des japanischen Kaiserreichs geplant, geriet dem Pazifisten das Werk am Beginn des Zweiten Weltkriegs zu einer eindringlichen Trauer-Musik. Eingespannt in ein traumhaft schönes »Lacrymosa« und ein trostvolles »Requiem aeternam« ist ein wüstes »Dies irae«, das sich für Brittensche Verhältnisse erstaunlich weit in die Grenzbereiche der Tonalität wagt. Auch hier bestach konzentriertes, facettenreiches Musizieren.


20., 21.01.2006 | Meistersingerhalle Nürnberg
Arnold Schönberg | Gurre-Lieder
in Zusammenarbeit mit den Nürnberger Philharmonikern
Dirigent: Christoph Prick

Nürnberger Nachrichten (online) vom 23. 01. 2006: KULTUR – ÜBERREGIONAL
Wilde Jagd eines apokalyptischen Reiters
Festkonzert zum Opern-Jubliäum als Großereignis: Schönbergs »Gurrelieder« in Nürnberg
Von Anja Barckhausen
Ein Meer von Köpfen auf dem eigens für das Großereignis konstruierten, weit in den Saal hinein gewachsenen Podium: In der Meistersingerhalle standen beim Festkonzert zum 100-jährigen Jubiläum des Nürnberger Opernhauses alle Vorzeichen auf Event. Nicht nur waren beide Orchester – die Symphoniker und die Philharmoniker – außergewöhnlich eng zusammengerückt, um die wegen ihres enormen Aufwands selten aufgeführten, doch eben gerade deshalb vergleichsweise häufig von Stardirigenten als Prestige-Tonträger und Kür eingespielten »Gurrelieder« von Arnold Schönberg zu stemmen.
Auch der Chor des Staatstheaters (Einstudierung: Edgar Hykel) hätte da bei weitem nicht ausgereicht – etwa zweihundert Chorsänger und hundertfünfzig Orchestermusiker gelten als Mindestbesetzung, um das in allen Schattierungen der Spätromantik schimmernde Frühwerk des späteren Zwölftöners (uraufgeführt 1913) erfolgreich umzusetzen. Hinzu kamen deshalb der Männerchor des Bulgarischen Rundfunks (Einstudierung: Metodi Matakiev) und die Männerstimmen des Philharmonischen Chores München (Andreas Herrmann); außerdem der Hans Sachs Chor Nürnberg verstärkt durch den EWF-Chor der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Julian Christoph Tölle) und die »schola cantorum« aus Leipzig (Philipp Amelung).
Ein kolossales Aufgebot also für den anspruchsvollen Außenseiter des Konzertbetriebs, mit dem sich die überreife Spätromantik zwischen üppigem Oratorium, dramatischem Liederzyklus und sinfonischem Schwelgen kurz vor dem Expressionismus noch einmal mächtig aufspreizt und zelebriert. Dirigent Christof Prick gelang es dabei vor allem im ersten und weitgehend lyrischen Teil, den Orchestermoloch mit allein zehn gezählten Kontrabässen zu einem hinreichend transparenten Klangkörper auszusteuern.
Ruheloser Geister-König
Diesem Anliegen kam das farbige, stimmlich weithin aufgefächerte Orchestervorspiel denn auch entgegen: Zunächst sanft pulsierende, dann flirrende Holzbläser, erhabene Tannhäuser-Fanfaren, fahle Blechblitze, weich auf- und abgeblendete Streicher – ein Füllhorn an Klangfarben, an den sorgfältig durchgearbeiteten WagnerOpern entlang konstruiert, dabei motivisch entsprechend glasklar strukturiert. Von dort aus entrollt sich die an »Tristan und Isolde« erinnernde Tragödie um den ruhelosen Geister-König Waldemar und seine heimtückisch ermordete junge Natur-Schönheit Tove, für die der dänische Dichter Jens Peter Jacobsen mit seinem balladenhaften Gedichtzyklus 1868 die literarische Grundlage schuf.
Die Idee der ästhetisch gesehen fragwürdigen Anzeigetafel, auf der die Liedertexte jeweils menetekelhaft über den Köpfen der Ausführenden spukten, blieb allerdings zweifelhaft. Das informative Programmheft hätte hier unauffälliger weitergeholfen.
Der nun folgende, zwischen Liebesschmachten, archaisch raunender Natursymbolik, Todesahnung und -sehnsucht schwelgende Lieder-Dialog, der sich zwischen Waldemar und Tove entspinnt, geriet zur ernsten Belastungsprobe für den Alterstenor von Siegfried Jerusalem. Er hatte sich mit ehemals glanzvollen Auftritten als König Waldemar für zwei hochkarätige Einspielungen der »Gurrelieder« mit dem früheren Radio-Symphonie-Orchester Berlin, dirigiert von Riccardo Chailly 1990, und den Wiener Philharmonikern unter Claudio Abbado 1995 die Messlatte selbst entsprechend hoch gelegt und blieb der Partie nun fast alles schuldig. »Des Waldes Schatten dehnen über Flur sich weit und Moor!«: Nicht nur im dritten Lied, dem angstvoll gehetzten Ritt Waldemars nach Gurre, gewannen gewaltige Orchestereruptionen die Oberhand.
Durchweg darstellerisch und stimmlich überzeugen konnte die jüngere, zumeist von der Opernhausbühne bereits vertraute Solistenriege: Christiane Libor mit energischem Sopran als Tove, Ruth-Maria Nicolay mit emotional loderndem und herausragendem Mezzosopran als Waldtaube, Guido Jentjens in schlanker, warm timbrierter Basslage als Bauer, Carsten Süß mit ausdrucksvollem Tenor als spöttisch schillernder Klaus Narr sowie Bariton Jürgen Linn als markanter Sprecher mit packender Deklamation und souverän verschleierten Übergängen zur Singstimme.
Die fesselnde Klage der Waldtaube, die den Mord der rachsüchtigen Königin und Toves Begräbnis verkündet, markierte den dramatischen Wendepunkt zum zwar im Orchesterpart sehr kompakt geratenen, jedoch sängerisch durchweg packenden, zweiten Teil. Gerade dieser zweite Teil wurde mit Blick auf die spezielle Hallen-Akustik und die große Besetzung von Prick mit seinem mehr feiernden denn fein steuernden Dirigat überzeugend inszeniert. Da reihten sich dicht an dicht ungebremste perkussive Explosionen während der »Wilden Jagd« – wer da noch schaudert beim Gedenken an den »schwierigen« Komponisten hat wohl nicht richtig zugehört.
Großer Aufwand, weiter Schall
Bleibt zu hoffen, dass Schönberg künftig aus dem Riesengebirge des nebeligen Frühwerks ab und an hinabsteigen und sich als »Moderner« zeigen darf. Wilde Jagd mit Happy End? Der lange Applaus in der zweimal ausverkauften Meistersingerhalle feierte das glanzvolle Großereignis und sämtliche Mitwirkenden einschließlich des mächtigen Fusionschors. Großer Aufwand – weiter Schall ...

Nürnberger Zeitung (online) vom 23. 01. 2006: KULTUR – ÜBERREGIONAL
Schönbergs Gurre-Lieder
Liebesunglück in großer Klangkulisse
Von Thomas Heinold
Die lange Schlange an der Abendkasse war ein sicheres Zeichen, dass bei den beiden Konzerten am Freitag und Samstag Außergewöhnliches geboten würde. Im Großen Saal der Meistersingerhalle kündigte die erweiterte Bühne Monumentales an. Als sich darauf schließlich eine vom Parkett aus gar nicht mehr zu unterscheidende Menge an Musikern mit ihren Instrumenten drängte, sich auf den Stufen dahinter dicht an dicht Hunderte von Choristen aufreihten, war man als Betrachter schon von der schieren Zahl der Mitwirkenden beeindruckt, die Arnold Schönberg für seine Gurre-Lieder fordert.
Philharmoniker und Symphoniker vereint
Solch ein Großprojekt stemmt man nicht alle Tage, das letzte Mal geschah dies in Nürnberg 1980 unter Hans Gierster, nun gab der designierte Chefdirigent des Staatstheaters Christof Prick seinen Einstand auf dem Konzertpodium, damals wie heute hatten sich die Nürnberger Philharmoniker und die Nürnberger Symphoniker für dieses Werk vereint.
Schönberg steigert in den nach einem Gedichtzyklus des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen zwischen den Jahren 1900 und 1911 mit langen Unterbrechungen entstandenen Gurre-Liedern den Klanggestus und die Instrumentierungspraxis der Spätromantik bis an die Grenze des Realisierbaren. Seine Komposition, die von der Idee eines Klavierliedzyklus' sich zu einem riesig dimensionierten Orchester- und Chorwerk auswuchs, ist gewissermaßen ein Abgesang auf eine Zeit, die der von Schönberg selbst maßgeblich mitgestalteten musikalischen Moderne zu weichen hatte.
All dies, die Monumentalität und die Brüchigkeit des dreiteiligen Werks, stellen den Dirigenten und die Aufführenden vor nicht geringe Schwierigkeiten. Im ersten Teil, der die Begegnung des sagenhaften Königs Waldemar mit seiner Geliebten Tove in »Tristan«-artiger Manier dem Schutze der Nacht anvertraut, gelang es Prick und dem Orchester mit großem Feingefühl und — trotz der Menge der Instrumentalisten — äußerst plastisch, die impressionistischen Valeurs, das von Naturlauten geprägte Idyll der Liebenden auf der Burg Gurre zu vergegenwärtigen.
Christiane Libor als Tove gab mit ihrem tragfähigen Sopran eine Liebende, bei der innere Distanz langsam zärtlicheren Emotionen Platz macht. Sie gestaltete die Farbigkeit und Geschmeidigkeit dieser Passagen dann umso nachdrücklicher, genauso wie ihr die Spitzentöne und dramatischen Steigerungen, besonders beim »So laß uns die goldene Schale leeren«, scheinbar mühelos gelangen.
Feingefühl für Volumen und Balance
Prick zeigte bei Volumen und Klangbalance Feingefühl für die Bedürfnisse der Sänger. Doch auch das konnte dem früheren Startenor und heutigen Rektor der Musikhochschule Nürnberg-Augsburg Siegfried Jerusalem in der Partie des Waldemar nicht helfen. Zu brüchig war das Timbre dieser einst großen Stimme, zu wenig konnte sich Jerusalem gegen die Klangwucht des Orchesters behaupten, sein Waldemar rang selbst in den lyrisch-leisen Passagen um Ausdruck.
Nach einem heftigen Tutti-Schlag des Orchesters, der die Ermordung Toves durch die eifersüchtige Frau Waldemars symbolisiert, kippte das Werk ins Fantastisch-Schaurige. Ruth-Maria Nicolay faszinierte als tief timbrierte, höhensichere und spannungsreich gestaltende »Stimme der Waldtaube«, die vom Tod Toves und der Verzweiflung Waldemars berichtet.
Waldemars Fluch gegen Gott, der ihm ewige Verdammnis einbringt, die Anrufung seiner Mannen, die wie bei Wagners »Fliegendem Holländer« aus Untoten bestehen, ging nochmals mit einer Steigerung der Klangdramatik einher, an der die vielstimmig aufgepeitschte Vehemenz des großen Männerchors großen Anteil hatte.
Guido Jentjens als ängstlich-abergläubischer Bauer, erst recht Carsten Süß als sich keck gebärdender Narr ließen das Geschehen schließlich ins Karikaturhafte und Surreale kippen, bevor Jürgen Linn als Sprecher mit dem Idyll einer Sommerlandschaft die Schlussapotheose vorbereitete, bei der erstmals und einzig sämtliche Stimmen des Kollektivs aus Staatstheaterchor, Hans-Sachs-Chor, EWF-Universitätschor, Philharmonischer Chor München, Schola Cantorum Leipzig und Männerchor des Bulgarischen Nationalrundfunks zum Einsatz kamen.
Diese Aufzählung zeigt: auch im Finale stehen Personalvolumen und die lyrische Subtilität der Aussage – die Erneuerung des Lebens im Aufgehen der Sonne, die an das Antlitz Toves erinnert – in seltsamer Diskrepanz. Dass Schönbergs Monument einer todessehnsüchtigen Liebe, die nur im Kreislauf der ewigen Natur Erlösung findet, so überzeugend und musikalisch mitreißend gelang, ist nicht zuletzt deshalb ein Verdienst aller Beteiligten.
So wurden die beiden Gurre-Lieder-Abende in der Meistersingerhalle zu einem herausragendes Ereignis im Nürnberger Musikleben.