Saison 2019/2020

21./22./24.11.2019 München Philharmonie
Joseph Haydn: Nelson-Messe
Münchner Philharmoniker
Dir.: Omer Meir Wellber

München idowa vom 26.11.2019
Empfindung wagen
Omer Meir Wellber dirigiert in der Philharmonie die Münchner Philharmoniker und deren Chor:
Joseph Haydn und eine Uraufführung des israelischen Komponisten Ayal Adler
von Dr. Michael Bastian Weiß

(...) Die subtile Expressivität Adlers verträgt sich überraschend gut mit der ganz anders gearteten Musik von Joseph Haydn, die sie einrahmt. Die dunkle Symphonie Nr. 49 f-moll „La Passione“ spielen die Münchner Philharmoniker im Stehen – und können dennoch, anders als in vielen anderen Haydn-Interpretationen, die man zur Zeit hört, die Erregung dieses Werks in großer Ruhe und gleichzeitig mit spannungsvoll unterdrückter Erregung aus sich heraus entwickeln lassen. Warum aber leitet Wellber dann im zweiten Teil Haydns Messe Nr. 11 d-moll „Nelson“ vom Hammerklavier aus? Das kleine Instrument ist selbst in der 7. Reihe der Philharmonie praktisch nicht zu vernehmen, dafür lenkt sein somit sinnfreies Mitspielen Wellber davon ab, den Solisten, angeführt von der Sopranistin Camilla Tilling, in schwierigen Ensemblepassagen Orientierung zu bieten. Der ausgezeichnete Philharmonische Chor München lässt sich nicht irritieren, wenn er vom anderweitig beschäftigten Dirigenten nur mit Fingerzeigen oder einem bloßen Kopfnicken bedacht wird: Er erscheint absolut verlässlich, wie eine Eins. Chordirektor Andreas Herrmann erreicht mit starken Männerstimmen eine vollkommene Ausgeglichenheit der Register und überhaupt eine statuarische Klangmacht, die im „Kyrie“ zu angsterfüllter Dramatik gesteigert werden kann. Wie schon bei Adler, so empfiehlt sich auch bei Haydn das mitempfindende wie mitdenkende Zuhören.

Süddeutsche Zeitung (Kurzkritik) vom 23.11.2019
Israel im Klang
Omer Meir Wellber und die Philharmoniker im Gasteig München
VON ANDREAS PERNPEINTNER

Vor den Orchesterliedem „Alone, I return from The Night“ des israelischen Komponisten Ayal Adler gibt es beim Konzert der Philharmoniker im Gasteig eine Umbaupause. Haydns Symphonie „La Passione“ haben sie zuvor im Stehen gespielt; so entstand ansprechende Agilität. Der Vortrag war lebendig, die Gestik des Dirigenten Omer Meir Wellber war es auch. Nun schnappt er sich, während die Stühle aufgebaut werden, ein Mikrofon und erläutert, was einen bei der folgenden Uraufführung erwarten wird (die drei Lieder, in ihrer orchestrierten Neufassung ein Auftragswerk der Philharmoniker, sind ihm gewidmet): Israel sei ein Land der konkreten Erfahrungen. Das Positive sei dort sehr konkret zu erleben, die negativen Dinge auch. Die Musik, die nun folge, sei aber alles andere als konkret, sie sei atmosphärisch, man möge sie aufs Gemüt wirken lassen.

Mit dem atmosphärischen Charakter hat er Recht. Er entsteht durch Adlers farbige Instrumentationskunst und den klaren, eleganten Gesang der Sopranistin Hila Baggio, die die Texte des Dichters David Vogel schön einfängt. Natürlich enthalten die oft clusterartigen Klänge harmonische Schärfe, doch ist der vorherrschende Eindruck der von gläserner Transparenz - auch dadurch hervorgerufen, dass gleich zu Beginn das Glockenspiel so deutlich hervortritt. Doch unkonkret, wie von Wellber angekündigt, ist die Musik keineswegs - erst recht nicht, sobald das dritte Lied begonnen hat. „At The Gate of Darkness“ lautet sein Titel, und die eruptive Düsternis, die Adler dafür komponiert hat, ist prägnant.

Nach der Pause wird das Tor zur Dunkelheit mit Haydns „Nelson-Messe“ verschlossen. Getragen wird diese Darbietung vom vorzüglichen Philharmonischen Chor. Doch auch das Solistenquartett, allen voran Sopranistin Camilla Tilling (besonders schön: ihr Et incarnatus est), singt nicht minder gut. Wellber bringt zudem hübsch frische Tempovorstellungen ein. So glänzt die Musik wunderbar.

MM (23.11.2019): Mit bestens disponiertem Philharmonischem Chor (...)


3./4.10.2019 München Philharmonie / Gasteig
5.10.2019 Bratislava - Slowakische Philharmonie
Felix Mendelssohn Bartholdy: Symphonie Nr. 2 "Lobgesang"
Münchner Philharmoniker
Dir.: Thomas Hengelbrock

SZ (Süddeutsche Zeitung) vom 5.10.2019
Kurzkritik
Glückliches Ende
Die Münchner Philharmoniker unter Thomas Hengelbrock

(...) Dass der zweite Part der Symphoniekantate qualitativ herausragt, hat zu einem großen Teil der Philharmonische Chor unter Andreas Herrmann zu verantworten. Präzise, ausgewogen und dynamisch flexibel lassen die Sänger Jubelchöre strahlen. (...)

Münchner Merkur vom 6.10.2019
Hochrechnung
Thomas Hengelbrock bei den Münchner Philharmonikern
von Markus Thiel

Nachgeben könnte er ja auch. Sich anpassen an Gewohnheiten der Münchner Philharmoniker, an Tempovorstellungen und Traditionen. Tut Thomas Hengelbrock aber nicht. Und wer ihn einlädt, den bei Harnoncourt und der Alten Musik Sozialisierten, der kauft eben eine gute Portion Kompromisslosigkeit ein. Auch deshalb fasst dieses Gasteig-Konzert spät Tritt, erst im zweiten Satz von Mendelssohn-Bartholdys „Lobgesang-Symphonie“.

Plötzlich ist da alles nicht nur gewollt und oktroyiert, sondern erfühlt - Orchester und Dirigent finden im duftig nuancierten, wirklich „sprechend“ gespielten Allegretto zum gegenseitigen Geben und Nehmen. Hengelbrocks Zugriff, diese Transparenz-Offensive tut der verkappten Kantate gut: Kein Gesangsverein-Bombast, sondern ein nie überreiztes, oft sogar entspanntes Phrasieren. Obwohl der Philharmonische Chor in gewohnter Bataillonsstärke angetreten ist, klingt alles nach Kammerensemble. Bei Hengelbrock ist Mendelssohns Symphonie kein Manifest, sondern eine Folge liedhafter Nummern Die Sopranistinnen Christina Landshamer und Ágnes Kovács nehmen das nur zu gern auf, erst recht Tenor Andrew Staples, mit dessen erstem Ton der Abend eintritt in eine neue Dimension.
Schwieriger verhielt sich die Sache vor der Pause bei Mozarts „Jupiter Symphonie". Hengelbrocks forscher Zugriff, seine rasanten Tempi provozierten auch Überforderungen. Das wörtlich übersetzte „gehende“ Tempo im Andante zum Beispiel wurde zum Nordic Walking. Nicht alles war da auf Kante. Vielleicht auch, weil historisch informiertes Spielen in München immer noch Perestroika bedeutet und keine Selbstverständlichkeit. Als erste Hochrechnung fur ein exzellentes Ergebnis geht der Abend dennoch durch.