24./25./26./27.02.2010 | Philharmonie
Joseph Haydn: Missa in Tempore Belli ("Paukenmesse")
Dirigent: Christopher Hogwood
SZ vom 26.02.2010
Es wird Frühling
Christopher Hogwood bei den Münchner Philharmonikern
Welch lichte Schönheit, herrlich, herrlich, herrlich. Haydns Messe mit dem Titel "Missa in Tempore Belli" - Messe in Kriegszeiten also - ist ein probates Mittel gegen die Schrecknisse der Welt. Und dabei ein sehr souveräner Ausdruck von Religiosität. In einem wunderbaren Moment dieses rundum schönen Konzerts wird das besonders deutlich. Im Gloria singt Michael Volle die Zeilen "qui tollis peccata mundi". Volle singt diese exquisite Solopassage, begleitet vom instrumentalen Gesang des Solocellisten Michael Hell, als selbstbestimmtes Individuum. Das ist kein Flehen, nicht einmal ein Bitten; hier fordert ein Mensch ein durch seinen Glauben selbstverständlich gewordenes Recht ein. Das ist völlig legitim, objektiv. Wenn es einen Gott gibt, dann hat er sich danach zu richten.
Christopher Hogwood dirigiert die Münchner Philharmoniker, und ganz kurz stellt man sich die Frage, ob er, Jahrgang 1941, angesichts der derzeit laufenden Verhandlungen mit Lorin Maazel um eine mögliche Thielemann-Nachfolge nicht zu jung dafür sei. Diesen Impuls unterdrückt man freilich schnell und lässt sich in der Philharmonie verzaubern vom vor allem im Leisen berückenden Klang des Philharmonischen Chors und dem Orchester, das frei, fast fröhlich, der frühlingshaften Leichtigkeit Haydns und Hogwoods folgt.
Davor eine Demonstration der Leistungsfähigkeit: Die vier Instrumentalsolisten in Martinus Sinfonia concertante sind allesamt leitende Mitglieder des Orchesters. Ulrich Becker, Bence Bogányi, Sreten Krstic und Michael Hell musizieren mit Grandezza, Eleganz und ironischer Selbstverständlichkeit, als bestünden sie als festes Quartett in der wundersamen Besetzung Oboe, Fagott, Cello und Violine und wären nicht einfach Kollegen in einem großen Klangapparat. Überall herrscht musikantische Freude.
EGBERT THOLL
MM vom 26.02.2010
Drama und Dialog
Münchner Philharmoniker, Philharmonie
So inspiriert und erfrischt verlässt man den Konzertsaal nicht oft. Dirigent und Alte-Musik-Experte Christopher Hogwood begeisterte bei seinem Debüt mit den Münchner Philharmonikern mit einem kurzen "knackigen" Programm. Schon zu Beginn mit zwei eher unbekannten Werken. Der Ouvertüre zu Victor Hugos Schauspiel "Ruy Blas" merkte man nicht an, dass der 30-jährige Mendelssohn das Intrigenstück nicht mochte. Seine forsche, farbsatte, dramatische Musik mit wiederholtem Blechbläserauftritt dient vielleicht weniger dem Drama als sich selbst. Das jedoch mit kerniger Wirkung, zumal die Philharmoniker sofort in der Spur waren - und das mit vibratolosem Streicherklang.
Mit Martinus Sinfonia Concertante leitete Hogwood geschickt zu Haydn über: Martinu übernimmt vom verehrten Meister neben der Form auch die Besetzung für Violine, Oboe, Fagott und Cello und bestückt sein Streichorchester mit Hörnern, Klarinetten und Klavier. Das führt in den drei Sätzen zu erquicklichen Solisten-Dialogen, aber auch zu aparten Verknüpfungen im Zusammenklang gegenüber dem großen Orchester. Immer wieder meldet sich das Klavier als Motor des Stücks zu Wort.
In Joseph Haydns "Missa in Tempore Belli" vereinte Hogwood den Philharmonischen Chor, das Orchester (mit Naturhörnern und -trompeten) und ein erlesenes Solisten-Ensemble mit Simona Saturová (Sopran), Stella Doufexis (Mezzo), Benjamin Bruns (Tenor) und Michael Volle (Bariton) zu einer lebendigen, eindringlichen Wiedergabe.
Gabriele Luster
07.02.2010 | Philharmonie
Richard Strauss: Elektra
Dirigent: Christian Thielemann
Klassikinfo vom 09.02.2010
Die Sänger leisten Ungeheueres
Die Baden-Badener "Elektra" mit den Münchner Philharmonikern unter Thielemann war jetzt konzertant in München zu erleben
Momente der Rührung sind in Strauss' "Elektra" eher selten. Der Auftritt des Ägisth, des täppischen Liebhabers von Elektras Mutter Klytämnestra zählt eigentlich nicht dazu. Doch wenn der einstige große Wagner-Tenor René Kollo die Bühne der Münchner Philharmonie betritt, um Elektra nach den Boten zu fragen, die "das von Orest" berichten, dann ist das ein bewegender Moment. Und Kollo bleibt der Figur stimmlich nichts schuldig, singt den in Unwissenheit seinem Verderben entgegen gehenden Hausherrn mit noch immer durchschlagkräftigem Tenor. Ein anderer Moment der Rührung, der wohl ergreifendste der Oper, ist natürlich die Wiedererkennungszene zwischen Elektra und dem tot geglaubten Bruder Orest. Wie hier Thielemann das Orchester vom markerschütternden Aufschrei zum liebeszarten Säuseln bändigt, das ist einfach phänomenal. Und die Philharmoniker spielen das mit einer in der Oper kaum zu erlebenden Präzision und Konzentration. Es ist vor allem diese punktgenau Übereinstimmung von Orchester und Stimmen, die diese konzertante "Elektra" zu einem so überwältigenden Erlebnis machte (die Kritik der szenischen Version in Baden-Baden können Sie hier lesen). Die Abgründigkeit und Gewalttätigkeit des Textes, der in seiner dichterischen Kraft der Bilder beispiellos in der Operngeschichte sein dürfte, fand in dieser Aufführung den unmittelbarsten musikalischen Ausdruck. Hier wurden das dichterische Wort direkt zu Musik, waren die Gesangslinien in jedem Ton mit sinnstiftender deklamatorischer Schärfe versehen. Vor allem die Sängerinnen der Elektra und der Klytämnestra leisteten hier Ungeheueres, kaum zu Überbietendes. Linda Watson als Elektra ist einfach sensationell. Sie baut die Partie mit einem ungeheueren Spannungsbogen auf, der am Ende fast zwangsläufig in den Tod der Figur mündet, so als könnte es gar nicht anders sein. Und Jane Henschel als Klytämnestra ist so schaurig-abgründig und dabei doch auch bemitleideswert, dass man erschauert. Jede einzelne Rolle war phantastisch besetzt: Manuela Uhl als leidenschaftliche, anrührend leidende Chrysothemis, Albert Dohmen als markiger Orest - von der Schleppenträgerin bis zur fünften Magd hervorragende Stimmen, wohin man auch hörte. Das gilt auch für den intensiv singenden Philharmonischen Chor unter der Leitung von Andreas Herrmann.
Robert Jungwirth
SZ vom 09. Februar 2010
Gier nach dem Exzeptionellen
Phänomenal: die konzertante "Elektra" der Philharmoniker
(...) Thielemann bindet alle Härte des Stücks in kluge Bögen ein, lässt den Musikern momenthaft freien Lauf, schafft ganz neue Zusammenhänge, die Musik erblüht in einer Eleganz, die an den "Rosenkavalier" gemahnt, ohne die Expressivität zu mildern. Sänger (vor allem die unverwüstliche Linda Watson als Elektra, die brüchig-faszinierende Jane Henschel als Klytämnestra und die strahlende Chrysothemis der Manuela Uhl) und Orchester feiern ein Fest, das Publikum jubelt 15 Minuten lang.
EGBERT THOLL
pnp.de vom 09. Februar 2010
Sie vermissen ihn jetzt schon
Christian Thielemann wird einmal mehr zum Star bei der „Elektra“ in München
Und so jemanden lassen sie gehen. Wieder einmal Kopfschütteln in der Münchner Philharmonie nach einem großen Abend. Dass die konzertante Aufführung von Richard Strauss’ „Elektra“ nach dem riesigen Erfolg in der Vorwoche in Baden-Baden nun auch im Gasteig gelang, dafür haben ein Starensemble mit der amerikanischen Sopranistin Linda Watson als Elektra und die Müchner Philharmoniker gesorgt. Und vor allem Christian Thielemann, der Noch-Generalmusikdirektor, den sie gehen lassen, (...)
--- Thielemann sorgt für Sternstunden ---
Jedenfalls haben die Philharmoniker im Gegensatz zu den Kollegen des BR keinen eigenen Sender, der jeden Ton PR-gerecht aufbereitet. Unter Thielemann indes erleben die Philharmoniker Sternstunden - und sorgen beim Publikum für ebensolche. Am Sonntagabend waren es eineinhalb, als Thielemann, seine Musiker und eine glänzende Linda Watson vergessen machten, dass man sich in einem relativ uncharmanten Konzertsaal mit ebensolcher Akustik befindet. Dazu ist Oper pur geboten, also keine Kostüme, kein Bühnenbild, keine Regie. Was zählt ist einzig die Musik: Linda Watsons Sopran wütet über den Mord an ihrem Vater, wird aber niemals gellend und ist so eindringlich, dass man sich sofort auf ihre Seite schlagen muss - doch sie sinnt auf Rache. Gegen ihre Strahlkraft müssen auch Manuela Uhl, Jane Henschel, Albert Dohmen und René Kollo etwas verblassen.
Thielemann lässt nicht eine Sekunde die Verbindung zwischen Sängern und Orchester brechen, überlässt nichts dem Zufall. Er sucht den Blickkontakt zu Watson, treibt voran, ordnet, formt seinen Klang. Er ist der Star des Abends und doch umarmt er am Ende spontan die Sängerin und applaudiert ihr. Und die rund 2000 Zuhörer bescheren trotz vieler Bravi für Linda Watson doch „ihrem“ Dirigenten Thielemann den meisten Applaus. Während sie sich fragen, wie man so einen gehen lassen kann. . .
15.11.2009 | Herkulessaal
Anton Bruckner: Messe Nr. 3, f-moll
Dirigent: Andreas Herrmann
SZ vom 18. November 2009
Mission erfüllt
Der Philharmonische Chor mit Bruckners f-Moll-Messe im Herkulessaal
Als der Chor diese gewichtigste unter Anton Bruckners Messe-Vertonungen zuletzt sang, und das war im Jahr 1990, brauchte Sergiu Celibidache dafür geschlagene achtzig Minuten. Das durfte nur Celi. Glücklicherweise versucht Andreas Herrmann gar nicht erst, dem Übervater nachzueifern, und schafft es in der üblichen guten Stunde. und dem Chordirektor, der sonst so oft bescheiden hinter den Philharmoniker-Dirigenten zurücktreten muss, gelingt im ausverkauften Herkulessaal das Unerwartbare: Zwanzig Jahre nach Celi erlebt München erneut eine überwältigende Aufführung der f-moll-Messe.
Der Philharmonische Chor glänzt mit makelloser Intonation, absoluter Homogenität und perfekter Sprachbehandlung. Alle Dynamikstufen stehen ihm zur Verfügung und auf jeder klingt er gleichermaßen gut. Rein und dicht der perfekt gemischte Pianoklang in den A-Cappella-Passagen, monumental die Fortissimo-Emphasen, unter denen die begleitenden Münchner Symphoniker fast verloren gehen. Auch weil Andreas Herrmann - einzige Schwäche der Aufführung - zu sehr über die Köpfe des Orchesters hinweg dirigiert und so im Gemeinsamen nicht immer Koordination gewährleistet, während er in Ein- und Überleitungen auch den Symphonikern leuchtende Farben abgewinnt.
Mission erfüllt: Herrmanns Tempokonzept ist spannungsreich durchdacht, die Übergänge in feiner Agogik herrlich fließend, souverän geführt und frei ins grandiose auslaufend die Steigerungen. Ein Glück nur, dass Bruckner-Messen Chormessen sind: Sowohl Sopranistin als auch Bassist mussten krankheitsbedingt kurzfristig ersetzt werden. Andreas Hirtreiter rettete die Ehre des Quartetts in der so heikel liegenden Tenorpartie.
Michael Stallknecht












